Blut, Krebs und Infektionen

Krebsbehandlung

Die Behandlung einer Krebs­erkrankung gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben der modernen Medizin. Anders als bei vielen anderen Krankheiten gibt es bei Krebs nicht den einen Standardweg, der für alle Betroffenen gleichermaßen passt. Vielmehr wird jede Therapie individuell zugeschnitten – auf die Art des Tumors, sein Stadium, seine biologischen Eigenschaften, die Allgemein­verfassung der Patientin oder des Patienten, das Alter, mögliche Begleit­erkrankungen und nicht zuletzt auf die persönlichen Wünsche und Lebensziele der Betroffenen. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich das Spektrum verfügbarer Behandlungs­optionen dramatisch erweitert: zur klassischen Trias aus Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie sind zielgerichtete molekulare Therapien, immunologische Verfahren und zelluläre Therapien wie die CAR-T-Zell-Therapie hinzugekommen. Damit hat sich die Lebens­erwartung bei vielen Tumorarten deutlich verbessert – gleichzeitig ist die Behandlung komplexer geworden und erfordert die enge Zusammenarbeit unterschiedlichster Fachdisziplinen in sogenannten Tumorboards. Auf dieser Seite geben wir Ihnen einen verständlichen Überblick über die wichtigsten Therapie­säulen und über das, was Sie selbst oder Ihre Angehörigen während einer onkologischen Behandlung erwarten können.

Therapiekonzepte – kurativ, adjuvant, neoadjuvant und palliativ

Bevor eine konkrete Behandlung beginnt, klären die behandelnden Ärztinnen und Ärzte das übergeordnete Therapieziel. Man unterscheidet vier zentrale Konzepte: kurativ, adjuvant, neoadjuvant und palliativ. Ein kurativer Ansatz strebt die vollständige und dauerhafte Heilung der Erkrankung an. Er kommt bei lokal begrenzten Tumoren ohne Fernmetastasen infrage und basiert meist auf der vollständigen operativen Entfernung des Tumors, ergänzt durch Strahlen- und/oder Arzneimittel­therapie. Ein adjuvanter Ansatz bezeichnet zusätzliche Maßnahmen nach einer eigentlich kurativen Operation, mit dem Ziel, eventuell noch verbliebene mikroskopisch kleine Tumorreste oder einzelne Krebszellen im Körper auszulöschen und damit das Rückfall­risiko zu senken. Die adjuvante Chemotherapie beim Mammakarzinom ist ein klassisches Beispiel: der sichtbare Tumor ist entfernt, doch um zu verhindern, dass mikroskopische Metastasen heranwachsen, wird eine zusätzliche systemische Therapie gegeben.

Bei einem neoadjuvanten Konzept wird die Reihenfolge umgekehrt: Vor der Operation wird zunächst eine Chemo-, Strahlen- oder kombinierte Radiochemo­therapie eingesetzt, um den Tumor zu verkleinern, das chirurgische Vorgehen zu erleichtern und gegebenenfalls eine organerhaltende Operation überhaupt erst möglich zu machen. Das ist beispielsweise beim lokal fortgeschrittenen Rektumkarzinom oder bei manchen Mammakarzinomen Standard. Ein zusätzlicher Vorteil der neoadjuvanten Therapie liegt darin, dass die Wirksamkeit der eingesetzten Medikamente unmittelbar am eigentlichen Tumor abgelesen werden kann – geht der Tumor unter der Vorbehandlung deutlich zurück, ist das ein gutes Zeichen für die Wirksamkeit der Substanz.

Ein palliativer Ansatz schließlich kommt zum Tragen, wenn eine Heilung aus medizinischen Gründen nicht mehr realistisch erreichbar ist – etwa bei ausgedehnten Fernmetastasen. Palliativ heißt aber ausdrücklich nicht „nichts mehr tun“. Im Gegenteil: Ziel ist es, die Lebenszeit zu verlängern, Beschwerden zu lindern, die Lebensqualität zu erhalten und ein würdevolles, möglichst selbst­bestimmtes Leben mit der Erkrankung zu ermöglichen. Moderne palliative Onkologie kombiniert tumor­wirksame Medikamente mit gezielten Maßnahmen gegen Schmerzen, Atemnot, Übelkeit und Erschöpfung sowie mit psycho­sozialer und spiritueller Begleitung. In manchen Situationen, etwa wenn eine Chemotherapie mehr Nebenwirkungen als Nutzen verursacht, kann der bewusste Verzicht auf tumor­gerichtete Therapie zugunsten einer reinen best supportive care die bessere Wahl sein.

Operation – radikal, organerhaltend, laparoskopisch, robotisch

Die Operation ist nach wie vor das wichtigste Heilverfahren in der Krebstherapie. Bei vielen soliden Tumoren ist die vollständige operative Entfernung des Tumors die zentrale Voraussetzung für eine dauerhafte Heilung. Man unterscheidet grundsätzlich zwischen radikalen und organerhaltenden Eingriffen. Radikal bedeutet, dass der Tumor zusammen mit dem ihn umgebenden Gewebe und in der Regel auch mit den zugehörigen Lymphknoten in einem ausreichend großen Sicherheits­abstand entfernt wird. Bei einer organerhaltenden Operation wird hingegen nur der Tumor selbst und ein schmaler Saum gesunden Gewebes entfernt, das Organ bleibt funktionell weitgehend erhalten. Welches Vorgehen passt, hängt von der Tumorbiologie, der Lage und der Größe ab. Beim Mammakarzinom ist heute eine brusterhaltende Operation in Kombination mit Bestrahlung in vielen Fällen die Standard­therapie, weil die Lebens­erwartung gegenüber einer kompletten Brustentfernung nicht schlechter ausfällt und die Lebensqualität deutlich höher ist.

Neben dem Ausmaß hat sich auch die Technik der Operationen revolutionär weiterentwickelt. Statt eines großen Bauchschnitts wird heute bei zahlreichen Tumorarten laparoskopisch („Schlüsselloch“) operiert: über kleine Schnitte werden eine Kamera und feine Instrumente in den Bauchraum eingeführt, der Operateur arbeitet unter Sicht auf einem hochauflösenden Monitor. Vorteile sind weniger Schmerzen, kürzere Krankenhaus­verweildauer, schnellere Mobilisierung und niedrigere Komplikations­raten. Bei thorakalen Eingriffen heißt die entsprechende Technik VATS (video-assistierte Thorakoskopie). Eine moderne Weiter­entwicklung ist die robotisch assistierte Chirurgie, bei der die Instrumente von einem Operations­roboter geführt werden, dessen Arme die Bewegungen der operierenden Hände präzise und ohne Tremor umsetzen. Vor allem bei Eingriffen in engen Räumen wie dem kleinen Becken – etwa bei Prostata- oder Rektumkarzinom – verspricht die robotische Technik bessere Sicht und mehr Bewegungsfreiheit.

Zu jeder onkologischen Operation gehört auch eine sorgfältige feingewebliche Aufarbeitung des entfernten Präparats durch eine Patho­login oder einen Pathologen. Hier wird beurteilt, ob die Schnittränder tumorfrei sind (R0-Resektion), wie viele Lymphknoten befallen waren und welche molekularen Eigenschaften der Tumor zeigt. Diese Informationen sind die Grundlage für alle weiteren Therapie­entscheidungen.

Strahlentherapie – perkutan, intraoperativ, Brachytherapie, stereotaktisch, Protonen, IMRT, IGRT

Die Strahlentherapie nutzt hoch­energetische ionisierende Strahlung, um die DNA der Tumorzellen so zu schädigen, dass sich diese nicht mehr teilen können und absterben. Sie wird bei mehr als der Hälfte aller Krebs­erkrankungen im Laufe der Behandlung eingesetzt – entweder allein, in Kombination mit Operation und/oder Chemotherapie. Die häufigste Form ist die perkutane Strahlentherapie, bei der die Strahlung von außen durch die Haut auf den Tumor gerichtet wird. Sie wird in der Regel ambulant und in vielen kleinen Einzeldosen (Fraktionen) über mehrere Wochen verteilt verabreicht, weil die Fraktionierung dem gesunden Gewebe zwischen den Sitzungen Zeit zur Erholung gibt, während die Tumorzellen empfindlicher reagieren.

Eine moderne Variante der perkutanen Bestrahlung ist die IMRT (intensitäts­modulierte Radiotherapie). Dabei wird die Strahlendosis innerhalb des Bestrahlungs­felds gezielt moduliert, so dass kritische Risikoorgane wie Rückenmark, Speicheldrüsen oder Lungenanteile maximal geschont werden, während der Tumor die volle Dosis erhält. Eine Weiter­entwicklung ist die IGRT (bildgeführte Radiotherapie), bei der vor jeder einzelnen Bestrahlungs­sitzung eine kurze Bildgebung erfolgt, um die exakte Position des Tumors zu überprüfen und die Strahlen punktgenau auszurichten – ein wichtiger Schritt, weil sich Organe wie Prostata oder Lunge zwischen den Sitzungen leicht verschieben können.

Die stereotaktische Bestrahlung (SRT, SBRT) ist eine besonders präzise Hochdosis­technik, bei der ein kleiner Tumor aus vielen Richtungen mit gebündelter Strahlung in wenigen Sitzungen behandelt wird. Sie ist eine Option bei kleinen Hirnmetastasen, frühen Lungentumoren oder einzelnen Lebermetastasen und kann in ausgewählten Fällen einer Operation gleichwertig sein. Die Protonen­therapie verwendet statt Photonen schwere Wasserstoff­kerne, die ihre Energie überwiegend in einer scharf umschriebenen Tiefe abgeben (Bragg-Peak) und hinter dem Tumor praktisch keine Dosis mehr abgeben. Das ist besonders bei kindlichen Tumoren, Tumoren in der Nähe der Wirbelsäule und bei bestimmten Tumoren des Schädelbasis­bereichs vorteilhaft, weil das umliegende Gewebe deutlich geschont wird.

Bei der Brachytherapie wird die Strahlung von innen appliziert: kleine radioaktive Strahler werden direkt in den Tumor oder unmittelbar daneben eingebracht. Beim Prostata­karzinom, bei gynäkologischen Tumoren und bei manchen Tumoren der Mundhöhle ist die Brachytherapie eine bewährte Option. Die intraoperative Strahlentherapie (IORT) wiederum ist eine Sonderform, bei der während der Operation, sobald der sichtbare Tumor entfernt ist, das Tumorbett unmittelbar im Operationssaal mit einer einmaligen hohen Strahlendosis behandelt wird – eine Methode, die in spezialisierten Zentren etwa beim Mamma­karzinom zum Einsatz kommt.

Klassische Chemotherapie – Wirkstoffklassen und Nebenwirkungen

Unter Chemotherapie versteht man im engeren Sinne die Behandlung mit Zytostatika – Medikamenten, die die Zellteilung hemmen oder Zellen direkt schädigen. Sie wirken systemisch, das heißt im ganzen Körper, und erreichen damit auch mikroskopisch kleine Tumorabsiedlungen, die einer lokalen Therapie entgehen würden. Da Krebszellen sich meist schneller teilen als gesunde Zellen, sind sie für Zytostatika anfälliger. Allerdings betrifft die Wirkung auch andere sich rasch teilende Zellen des Körpers, was die typischen Nebenwirkungen erklärt – Haarausfall (das Haarwachstum betrifft sich rasch teilende Zellen der Haarwurzel), Schleimhaut­entzündungen (Mukositis in Mund und Darm), Übelkeit und Erbrechen (Reizung der Brechzentren), Knochenmark­suppression mit Abfall von weißen Blutkörperchen, Blutplättchen und roten Blutkörperchen sowie häufig eine Fertilitäts­einschränkung.

Innerhalb der Zytostatika unterscheidet man mehrere Wirkstoff­klassen mit unterschiedlichen Angriffsorten. Alkylanzien wie Cyclophosphamid, Ifosfamid oder Bendamustin koppeln Alkylgruppen an die DNA und führen so zu DNA-Brüchen. Platinverbindungen wie Cisplatin, Carboplatin und Oxaliplatin bilden DNA-Quervernetzungen, die die Replikation blockieren. Antimetaboliten wie 5-Fluorouracil, Capecitabin, Methotrexat, Gemcitabin und Pemetrexed werden in die DNA oder RNA eingebaut oder hemmen Enzyme der Nukleinsäure­synthese. Anthrazykline wie Doxorubicin und Epirubicin lagern sich in die DNA ein und stören die Topoisomerase II. Taxane wie Paclitaxel und Docetaxel sowie Vinca-Alkaloide wie Vincristin und Vinorelbin greifen am Spindel­apparat der sich teilenden Zelle an. Topoisomerase-Hemmer wie Irinotecan und Etoposid und andere Substanzen wie Bleomycin oder Mitomycin C ergänzen das Spektrum. In der Praxis werden meist mehrere Zytostatika kombiniert, um die Wirkung zu verstärken und Resistenz­entwicklungen zu erschweren.

Eine moderne Chemotherapie ist heute deutlich besser steuerbar als noch vor zwanzig Jahren. Eine sorgfältige supportive Therapie kann viele der gefürchteten Nebenwirkungen deutlich abmildern. Gegen Übelkeit und Erbrechen stehen sehr wirksame Antiemetika zur Verfügung: 5-HT3-Antagonisten wie Ondansetron, Granisetron oder Palonosetron blockieren Serotonin­rezeptoren im Brechzentrum und im Darm. NK1-Rezeptor-Antagonisten wie Aprepitant oder Fosaprepitant blockieren den Neurokinin-1-Rezeptor und sind besonders wirksam gegen verzögertes Erbrechen. Kombinationen mit Dexamethason und in ausgewählten Fällen mit Olanzapin reduzieren die Beschwerden bei hochemetogenen Therapien dramatisch.

Gegen die Knochenmark­suppression – speziell die Verminderung der weißen Blutkörperchen mit Infektions­risiko (Neutropenie) – werden Wachstumsfaktoren eingesetzt. G-CSF (granulocyte colony stimulating factor) wie Filgrastim, Lipegfilgrastim oder Pegfilgrastim regt das Knochenmark zur vermehrten Bildung neutrophiler Granulozyten an. Bei Anämie kann der erythropoetin­stimulierende Wirkstoff Epoetin alpha oder Darbepoetin zum Einsatz kommen, wobei der Nutzen in der Onkologie gegen mögliche Risiken sorgfältig abgewogen wird. Bei Mukositis helfen Mundspülungen mit Salbei- oder Kamillen­auszügen, mild zinkhaltige Präparate, professionelle Mundhygiene vor Therapie­beginn und beim 5-Fluorouracil-Schema das Lutschen von Eiswürfeln während der Infusion (Kryotherapie). Gegen Haarausfall kann eine Scalp-Cooling-Haube die Kopfhaut während der Infusion herunterkühlen und so die Durchblutung und damit den Zytostatika­übertritt zu den Haarwurzeln verringern – ein Verfahren, das bei manchen Schemata den Haarverlust deutlich reduzieren kann.

Zielgerichtete Therapie – Tyrosinkinase-Inhibitoren, monoklonale Antikörper, EGFR-, VEGF-, BRAF- und PARP-Inhibitoren

Während die klassische Chemotherapie wahllos alle sich teilenden Zellen trifft, greifen zielgerichtete Therapien in spezifische molekulare Mechanismen ein, die für das Wachstum eines bestimmten Tumors charakteristisch sind. Voraussetzung ist daher in den meisten Fällen ein molekular­pathologischer Nachweis der jeweiligen Zielstruktur im Tumorgewebe. Man unterscheidet zwei große Gruppen: kleine Moleküle, die als Tabletten gegeben werden und meist auf „-nib“ enden (z. B. Imatinib, Erlotinib, Gefitinib, Sunitinib, Sorafenib, Vemurafenib, Crizotinib, Osimertinib), und monoklonale Antikörper, die als Infusion oder subkutane Injektion gegeben werden und meist auf „-mab“ enden (z. B. Trastuzumab, Cetuximab, Pertuzumab, Bevacizumab, Rituximab, Panitumumab).

Tyrosinkinase-Inhibitoren blockieren intrazelluläre Enzyme (Tyrosinkinasen), die im normalen Zellgeschehen Wachstums­signale weiterleiten und in Tumorzellen oft dauerhaft aktiviert sind. Das berühmteste Beispiel ist Imatinib, das die durch das BCR-ABL-Fusionsprotein ausgelöste Tyrosinkinase­aktivität bei der chronischen myeloischen Leukämie hemmt und damit eine zuvor schwer behandelbare Erkrankung in eine chronisch beherrschbare verwandelt hat. EGFR-Inhibitoren (Erlotinib, Gefitinib, Osimertinib) blockieren den Rezeptor für den epidermalen Wachstumsfaktor und werden bei bestimmten Lungenkarzinomen mit aktivierender EGFR-Mutation eingesetzt. BRAF-Inhibitoren wie Vemurafenib oder Dabrafenib hemmen ein in der Signalkaskade nachgeschaltetes Enzym, das in über der Hälfte aller Melanome mutiert ist; sie werden meist mit MEK-Inhibitoren wie Trametinib kombiniert.

Monoklonale Antikörper greifen meist an Rezeptoren auf der Zelloberfläche an. Trastuzumab bindet an den HER2-Rezeptor, der in rund 15 bis 20 Prozent aller Mammakarzinome überexprimiert ist, und blockiert dessen Wachstumssignale – ein Meilenstein in der Behandlung dieses Subtyps, der die Prognose entscheidend verbessert hat. Pertuzumab bindet an eine andere Stelle desselben Rezeptors und wird mit Trastuzumab kombiniert. Cetuximab und Panitumumab blockieren den EGFR-Rezeptor und werden beim Kolorektal­karzinom (nur bei nicht mutiertem RAS) und bei manchen Kopf-Hals-Tumoren eingesetzt. Bevacizumab bindet den Wachstumsfaktor VEGF im Blut, hemmt damit die Tumor­gefäßneubildung (VEGF-Inhibition) und kann das Wachstum vieler solider Tumoren verlangsamen. Rituximab richtet sich gegen das CD20-Antigen auf B-Lymphozyten und hat die Behandlung von B-Zell-Lymphomen revolutioniert. PARP-Inhibitoren wie Olaparib oder Niraparib nutzen eine besondere Schwäche von Tumorzellen mit defektem BRCA1/2-Reparatur­mechanismus – sie blockieren einen alternativen DNA-Reparaturweg und führen die Tumorzellen so in den programmierten Zelltod. Sie werden insbesondere beim Ovarial- und Mammakarzinom mit BRCA-Mutation eingesetzt.

Immuntherapie – Checkpoint-Inhibitoren, CAR-T-Zellen und bispezifische Antikörper

Die Immuntherapie hat in den letzten zehn Jahren die Onkologie grundlegend verändert. Statt direkt die Tumorzellen anzugreifen, mobilisiert sie das körpereigene Immunsystem, um Krebszellen zu erkennen und zu zerstören. Die wichtigste Substanz­klasse sind die Checkpoint-Inhibitoren. Tumorzellen nutzen molekulare Bremsen (Immun­checkpoints), um eine Immunantwort zu verhindern. Checkpoint-Inhibitoren lösen diese Bremsen und erlauben dem Immunsystem, gegen die entarteten Zellen vorzugehen.

Die wichtigsten Zielstrukturen sind PD-1 (programmed death 1) auf T-Zellen und sein Ligand PD-L1 auf Tumorzellen sowie CTLA-4 auf regulatorischen T-Zellen. PD-1-Antikörper wie Nivolumab und Pembrolizumab, PD-L1-Antikörper wie Atezolizumab, Durvalumab und Avelumab und der CTLA-4-Antikörper Ipilimumab haben bei zahlreichen Tumoren – vor allem beim malignen Melanom, beim nichtkleinzelligen Lungen­karzinom, beim Nieren­zellkarzinom, beim Harnblasen­karzinom und bei manchen Kopf-Hals-Tumoren – dramatische Behandlungs­erfolge ermöglicht. Bei einem Teil der Patient:innen kommt es zu lang anhaltenden Remissionen, die mit klassischen Therapien zuvor undenkbar waren. Die typischen Nebenwirkungen unterscheiden sich von denen der Chemotherapie: weil das Immunsystem entbremst wird, kann es auch gegen körpereigene Strukturen aktiv werden – die Folge sind autoimmun­artige Entzündungen von Haut, Darm, Lunge, Leber, Hypophyse, Schilddrüse oder Nieren. Solche immun­vermittelten Nebenwirkungen erfordern eine frühzeitige Erkennung und gegebenenfalls eine zeitgerechte Behandlung mit Cortison.

Eine besonders innovative Form der zellulären Immuntherapie ist die CAR-T-Zell-Therapie. Dabei werden der Patientin oder dem Patienten eigene T-Lymphozyten aus dem Blut entnommen, gentechnisch im Labor mit einem chimären Antigen-Rezeptor (CAR) ausgestattet, der spezifisch ein Tumorantigen erkennt, vermehrt und anschließend wieder zurück infundiert. Dort suchen sie die Tumorzellen, binden an deren Oberflächenmarker und zerstören sie. Zugelassen sind CAR-T-Zellen derzeit für bestimmte aggressive B-Zell-Lymphome, die akute lymphatische Leukämie des Kindes- und jungen Erwachsenen­alters sowie das Multiple Myelom – jeweils in der Regel nach Versagen mehrerer Vortherapien. Die Behandlung ist hochwirksam, kann aber das gefährliche Zytokin­freisetzungs­syndrom oder neurologische Nebenwirkungen verursachen und wird daher nur in spezialisierten Zentren durchgeführt.

Eine weitere Entwicklung sind bispezifische Antikörper, die zwei unterschiedliche Strukturen erkennen – meist auf der einen Seite ein Tumorantigen, auf der anderen Seite ein T-Zell-Antigen (zum Beispiel CD3). Sie führen damit T-Zellen und Tumorzellen physisch zusammen und erlauben dem Immunsystem, den Tumor gezielt zu zerstören. Beispiele sind Blinatumomab bei der B-Zell-ALL oder Teclistamab beim Multiplen Myelom.

Hormontherapie – Tamoxifen, Aromatasehemmer, Antiandrogene

Manche Tumoren sind in ihrem Wachstum von Sexualhormonen abhängig. Hier setzt die endokrine Therapie oder Hormontherapie an – sie entzieht dem Tumor sein Wachstums­signal, ohne ihn direkt anzugreifen. Beim hormon­rezeptor­positiven Mamma­karzinom (Östrogen- und/oder Progesteron­rezeptor positiv) wird je nach Hormonstatus, Wechseljahres­status und Risikoprofil eine antihormonelle Therapie eingesetzt. Tamoxifen ist ein selektiver Östrogenrezeptor-Modulator, der den Rezeptor im Brustgewebe blockiert und damit die Östrogen­wirkung neutralisiert. Aromatase­hemmer wie Anastrozol, Letrozol und Exemestan blockieren das Enzym Aromatase und reduzieren damit die Östrogen­bildung im peripheren Gewebe – sie werden vor allem bei postmenopausalen Patientinnen eingesetzt. Bei prämenopausalen Patientinnen kann zusätzlich der Eierstock durch GnRH-Analoga (z. B. Goserelin) chemisch ausgeschaltet werden.

Beim Prostatakarzinom besteht eine analoge Strategie: hier wird Testosteron als Wachstums­treiber entzogen. GnRH-Analoga oder GnRH-Antagonisten bewirken eine medikamentöse Kastration, Antiandrogene wie Bicalutamid, Enzalutamid oder Apalutamid blockieren den Androgen­rezeptor an der Tumorzelle. Die Steroidogenese-Inhibitoren Abirateron und Ketoconazol blockieren zusätzlich die Andro­gen­synthese auch in den Nebennieren und in der Tumorzelle selbst. Diese Therapien können das Krankheits­geschehen oft über viele Jahre stabilisieren, gehen aber mit typischen Beschwerden wie Hitzewallungen, Libido­verlust, Erschöpfung, Knochendichte­verlust und einem erhöhten kardio­vaskulären Risiko einher, gegen die wiederum unterstützende Maßnahmen erforderlich sein können.

Knochenmark- und Stammzelltransplantation – allogen und autolog

Bei bestimmten Erkrankungen des blutbildenden Systems – vor allem bei akuten Leukämien, schweren myelodysplastischen Syndromen, manchen aggressiven Lymphomen, dem Multiplen Myelom oder schweren aplastischen Anämien – kann eine Stammzell­transplantation kurative Chancen bieten, die mit einer reinen Chemo- oder Strahlentherapie nicht erreichbar wären. Man unterscheidet zwei Hauptformen: die autologe und die allogene Transplantation.

Bei der autologen Transplantation werden vor einer intensiven Hochdosis­chemotherapie eigene Stammzellen aus dem peripheren Blut oder dem Knochenmark gewonnen und tiefgefroren. Anschließend wird der Tumor mit einer Hochdosis­therapie behandelt, die das Knochenmark zwangsläufig mit zerstören würde, und die zuvor entnommenen Stammzellen werden danach zurück infundiert. Sie wandern selbsttätig in die Knochenmark­nische zurück und stellen dort innerhalb weniger Wochen die Blutbildung wieder her. Die autologe Transplantation kommt vor allem beim Multiplen Myelom und bei manchen Lymphomen zum Einsatz.

Bei der allogenen Transplantation stammen die Stammzellen von einer fremden Person – einem verwandten oder unverwandten Spender, der in seinen Gewebsmerkmalen (HLA-System) möglichst gut zur Patientin oder zum Patienten passt. Die Hochdosis­therapie zerstört das eigene Knochenmark einschließlich noch vorhandener Leukämiezellen vollständig, anschließend werden die fremden Stammzellen infundiert und bauen das blutbildende System neu auf. Zusätzlich zur Ersatzfunktion bekämpft das neue Immunsystem aus den Spenderzellen verbliebene Tumorzellen aktiv mit, der sogenannte Graft-versus-Leukemia-Effekt. Die allogene Transplantation ist die intensivste verfügbare Therapie und mit erheblichen Risiken verbunden – vor allem mit Infektionen, mit Abstoßungs­reaktionen und mit der Graft-versus-Host-Disease, bei der das Spenderimmunsystem gesundes Empfängergewebe als fremd erkennt und angreift. Sie wird ausschließlich in spezialisierten Zentren durchgeführt.

Supportive Therapie – Schmerz, Übelkeit, Fatigue, Ernährung

Eine gute Krebs­therapie misst sich heute nicht nur an der Tumor­wirksamkeit, sondern ebenso sehr an der Qualität der supportiven Begleit­therapie. Sie umfasst alle Maßnahmen, die Beschwerden lindern, Komplikationen verhindern und die Lebensqualität erhalten. Im Mittelpunkt stehen die Schmerz­therapie, die Behandlung von Übelkeit und Erbrechen, der Umgang mit der oft beklemmenden tumorbedingten Fatigue, die Ernährungs­beratung sowie die psychoonkologische Unterstützung.

Die Schmerztherapie orientiert sich am WHO-Stufenschema. Auf Stufe 1 werden nichtopioide Analgetika wie Paracetamol, Metamizol oder nichtsteroidale Antiphlogistika (Ibuprofen, Naproxen, Diclofenac) eingesetzt. Auf Stufe 2 kommen schwach wirksame Opioide wie Tramadol oder Tilidin/Naloxon hinzu, auf Stufe 3 stark wirksame Opioide wie Morphin, Oxycodon, Hydromorphon, Fentanyl, Buprenorphin oder Tapentadol. Bei nervenbedingten Schmerzen werden zusätzlich sogenannte Koanalgetika wie Pregabalin, Gabapentin, Amitriptylin oder Duloxetin verordnet. Wichtig ist eine ausreichend hohe und regelmäßige Basis­medikation, ergänzt durch sogenannte Bedarfsdosen für Schmerz­spitzen. Die Sorge vor einer Opioid­abhängigkeit ist bei tumor­bedingten Schmerzen nahezu unbegründet – in dieser Indikation entwickeln sich Abhängigkeits­erkrankungen extrem selten.

Die tumor­bedingte Fatigue ist eine besondere, oft erschöpfende Form der Müdigkeit, die durch Schlafen nicht zu beheben ist und die Lebensqualität massiv beeinträchtigt. Ihre Ursachen sind vielfältig: Anämie, entzündliche Botenstoffe, Hormonverschiebungen, Schlafstörungen, psychische Belastung. Sehr gut wirksam ist – so paradox es klingt – ein dosiertes körperliches Bewegungs­programm, das den Energie­haushalt regeneriert und auch die Stimmung stabilisiert. Außerdem helfen Schlaf­hygiene, Aktivitäten­planung mit klaren Pausen und gegebenenfalls eine Behandlung zugrunde­liegender Anämien. Auf Ernährungs­ebene ist eine ausgewogene, eiweiß­reiche Kost wichtig, weil viele Patient:innen unter Gewichtsverlust und Muskelschwund (Tumorkachexie) leiden. Eine professionelle Ernährungs­beratung, gegebenenfalls Trink­nahrung oder seltener eine künstliche Ernährung können wesentlich zur Erholung beitragen. Krebsdiäten, die einzelne Lebensmittel als „Wunderwaffe“ oder „tödlich“ bezeichnen, sind hingegen unwissenschaftlich und können sogar schaden.

Psychoonkologie – seelische Begleitung in der Krebs­therapie

Die Diagnose Krebs ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine tiefgreifende seelische Erfahrung. Angst, Ohnmacht, Wut, Trauer, Hoffnung und Lebenshunger wechseln einander oft im Stundentakt ab. Auch das soziale Umfeld – Partnerin oder Partner, Kinder, Eltern, Freundes­kreis und Berufskolleg:innen – ist mit betroffen und braucht oft selbst Unterstützung. Die Psychoonkologie ist eine eigene Fachdisziplin, die genau für diese Begleitung ausgebildet ist. Sie steht in zertifizierten Krebszentren, in vielen Kliniken und ambulant in Krebs­beratungs­stellen sowie über die Landeskrebs­gesellschaften zur Verfügung. Psychoonkologische Gespräche helfen, Diagnose und Therapie zu verarbeiten, Strategien zum Umgang mit Angst und Schlafstörungen zu entwickeln, Gespräche mit Familie und Kindern altersgerecht zu gestalten und nach Abschluss der Behandlung ins Leben zurück­zufinden. Auch Selbsthilfe­gruppen, Kunst- und Musiktherapie, Achtsamkeits- und Meditations­angebote sowie spirituelle Begleitung haben für viele Betroffene einen großen Wert.

Wir beraten Sie

Eine onkologische Behandlung bringt unzählige Fragen mit sich, die nicht selten erst zu Hause auftauchen – nach der Sprechstunde, mit dem frischen Rezept in der Hand oder nach dem ersten Therapie­tag. Genau hier möchten wir für Sie da sein. In der Schwanen-Apotheke Duisburg beraten wir Sie zu Einnahme­modalitäten oraler Tumortherapeutika (zum Beispiel ob ein Tyrosin­kinase­inhibitor zu den Mahlzeiten oder davor genommen werden soll), zu möglichen Wechsel­wirkungen mit Ihren Begleit­medikamenten, mit pflanzlichen Präparaten (Johanniskraut, Grapefruitsaft – beides relevant!) und mit Nahrungs­ergänzungs­mitteln. Wir geben praktische Tipps zur Mundpflege gegen Mukositis, zur Hautpflege unter zielgerichteten Therapien, zum Umgang mit Hand-Fuß-Syndrom und mit chemotherapie­bedingter Polyneuropathie und zur Linderung von Übelkeit zwischen den Sitzungen. Wir helfen Ihnen bei der Beschaffung von Hilfsmitteln wie Kompressions­armstrümpfen nach Lymphknoten­entfernung, Perücken oder Mützen nach Haarverlust und versorgen Sie mit Hautpflege­produkten, die für Bestrahlte oder Chemotherapierte geeignet sind. Bei Bedarf vermitteln wir den Kontakt zu spezialisierten Beratungs­stellen oder unterstützen Sie beim Antrag auf einen Schwerbehinderten­ausweis. Besuchen Sie uns gerne in der Apotheke, kontaktieren Sie uns über das Kontaktformular oder informieren Sie sich über weitere Themen unter Hintergrundwissen Krebs.

Redaktion Schwanen-Apotheke Duisburg, Quellen: Leitlinienprogramm Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) und der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie (AIO), Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO), Onkopedia-Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO), Deutsche Krebshilfe, Stand 2026