Blut, Krebs und Infektionen

Hintergrundwissen Krebs

Kaum ein anderes Wort löst in einer ärztlichen Sprechstunde so viel Beklommenheit aus wie das Wort Krebs. Dabei steht dahinter nicht eine einzige Krankheit, sondern ein ganzer Strauß von mehr als zweihundert verschiedenen Erkrankungen, die alle eine gemeinsame Wurzel haben: Zellen des eigenen Körpers entgleisen ihrer normalen Wachstums­steuerung, vermehren sich unkontrolliert, dringen in umliegende Gewebe ein und können sich über Blut- und Lymphbahnen in entfernten Organen ansiedeln. Die folgende Übersicht erklärt verständlich, was bei einer Krebs­erkrankung im Körper geschieht, welche Tumorarten in Deutschland am häufigsten vorkommen, wie Ärzt:innen Krebs aufspüren und einteilen, welche Therapien heute zur Verfügung stehen und welche Vorsorge­programme tatsächlich Leben retten. Sie ersetzt natürlich keine ärztliche Beratung – sie soll Ihnen aber helfen, Befunde, Therapie­vorschläge und Fachbegriffe besser einordnen zu können.

Was geschieht in einer entarteten Zelle?

Jede Zelle unseres Körpers trägt in ihrem Zellkern den vollständigen genetischen Bauplan in Form der DNA. Diese DNA wird bei jeder Zellteilung kopiert, und obwohl unsere Zellen über erstaunlich präzise Korrektur­mechanismen verfügen, schleichen sich pro Zellteilung statistisch mehrere kleine Fehler ein. Die meisten dieser Mutationen sind harmlos, werden repariert oder führen dazu, dass die betroffene Zelle in den programmierten Zelltod (Apoptose) geht. Erst wenn sich über viele Jahre Mutationen in Schlüssel­genen anhäufen – etwa in Onkogenen wie KRAS oder MYC, in Tumorsuppressor­genen wie TP53 oder RB1, oder in DNA-Reparaturgenen wie BRCA1 und BRCA2 – verliert eine Zelle die Fähigkeit, ihre Vermehrung kontrolliert zu stoppen. Sie teilt sich weiter, obwohl der Körper das nicht braucht; sie umgeht die natürlichen Selbstmord­mechanismen; sie regt die Bildung neuer Blutgefäße an, um sich selbst zu versorgen (Angiogenese); und im fortgeschrittenen Stadium löst sie sich aus dem Zellverband und wandert in andere Gewebe ein. Krebs ist also nicht ein eindringender Feind, sondern eine Entgleisung im eigenen Haus. Diese Erkenntnis hat in den letzten zwei Jahrzehnten die Tumortherapie revolutioniert – weil sie es ermöglicht, gezielt die molekularen Treiber einer einzelnen Krebsart anzugreifen, statt pauschal alle teilungsaktiven Zellen zu vergiften.

Gutartig oder bösartig – ein entscheidender Unterschied

Nicht jede Geschwulst ist Krebs. In der medizinischen Sprache unterscheidet man benigne (gutartige) von malignen (bösartigen) Tumoren. Gutartige Geschwülste wie Lipome, Fibrome, Muttermale oder Adenome wachsen langsam, sind klar gegen das umgebende Gewebe abgegrenzt, dringen nicht in andere Strukturen ein und bilden keine Tochter­geschwülste. Sie können trotzdem operativ entfernt werden, etwa weil sie kosmetisch stören oder durch ihre schiere Größe auf Nachbar­organe drücken. Bösartige Tumoren dagegen wachsen schnell, infiltrieren benachbartes Gewebe ohne klare Grenze und können Metastasen bilden – das sind Tochter­geschwülste in entfernten Organen wie Leber, Lunge, Knochen oder Gehirn. Erst die Fähigkeit zur Metastasierung macht aus einem örtlichen Tumor eine systemische Erkrankung und ist die häufigste Todesursache bei Krebs. Eine Zwischen­form sind die so genannten Carcinomata in situ: hier haben die Tumorzellen zwar bereits maligne Eigenschaften, befinden sich aber noch innerhalb der Grenzschicht ihres Ursprungs­gewebes und haben die Basal­membran noch nicht durchbrochen. In diesem Stadium ist die Heilungschance durch eine vollständige operative Entfernung praktisch hundertprozentig.

Die häufigsten Krebsarten in Deutschland

Nach den Erhebungen des Robert Koch-Instituts erkranken jährlich rund eine halbe Million Menschen in Deutschland neu an Krebs. Bei Frauen steht das Mammakarzinom (Brustkrebs) mit Abstand an erster Stelle, gefolgt von Darmkrebs, Lungenkrebs, Gebärmutter­körperkrebs (Endometrium­karzinom) und schwarzem Hautkrebs (Melanom). Bei Männern ist das Prostatakarzinom die häufigste Tumorentität, gefolgt von Lungenkrebs, Darmkrebs, Harnblasen­karzinom und Melanom. Lungenkrebs ist nach wie vor die häufigste Krebs­todesursache – bei Männern wie bei Frauen – und steht in einem direkten Zusammenhang mit dem Tabakrauch. Auch Darmkrebs bleibt eine der großen Volks­krankheiten, obwohl die Möglichkeiten der Vorsorge­darmspiegelung seit Jahren existieren. Im Kindes­alter überwiegen ganz andere Tumorarten: Leukämien (vor allem die ALL), Hirntumoren, Lymphome und Embryonal­tumoren wie das Neuroblastom oder das Nephroblastom. Erfreulich ist, dass die Heilungs­raten bei Kindern in den letzten dreißig Jahren dramatisch gestiegen sind – bei vielen pädiatrischen Tumoren liegen die Fünf-Jahres-Überlebens­raten heute jenseits der achtzig Prozent.

Wie ein Tumor klassifiziert wird – das TNM-System

Wenn die Diagnose feststeht, muss der Tumor möglichst genau beschrieben werden – denn von dieser Beschreibung hängen Therapieplanung und Prognose ab. International hat sich dafür das TNM-System der Union for International Cancer Control (UICC) durchgesetzt. T steht für die Größe und örtliche Ausbreitung des Primär­tumors und reicht je nach Organ von T1 (klein, auf das Ursprungs­gewebe begrenzt) bis T4 (großer Tumor mit Einbruch in Nachbar­strukturen). N beschreibt den Befall regionaler Lymphknoten – N0 bedeutet keine Lymphknoten­metastasen, N1 bis N3 eine zunehmende Zahl betroffener Knoten. M schließlich gibt an, ob entfernte Metastasen vorhanden sind: M0 keine Fern­metastasen, M1 nachgewiesene Tochter­geschwülste in anderen Organen. Aus T, N und M lässt sich für viele Tumorarten ein zusammen­fassendes Stadium von I bis IV bilden, das die Aussichten auf eine Heilung grob abschätzt. Stadium I bedeutet bei den meisten Tumoren eine sehr gute Prognose, Stadium IV beschreibt eine metastasierte, in der Regel nicht mehr heilbare, aber oft noch lange behandelbare Erkrankung. Bei einigen Tumorarten kommen ergänzende Einteilungen hinzu – etwa das Grading G1 bis G4 für den Differenzierungs­grad der Tumorzellen oder Risiko­gruppen aus molekular­biologischen Markern wie HER2, Östrogen­rezeptor oder Mikrosatelliten­instabilität.

Wie Krebs aufgespürt wird – Diagnostik

Der Weg zur Diagnose beginnt fast immer mit Beschwerden – einem tastbaren Knoten, Blutungen, Gewichts­verlust, Schluck­beschwerden, hartnäckigem Husten, Veränderungen am Stuhlgang – oder mit einem Zufalls­befund aus einer Routine­untersuchung. Daran schließt sich eine sorgfältige Anamnese und körperliche Untersuchung an, ergänzt durch Laboruntersuchungen: Blutbild, Entzündungs­werte, Leber- und Nierenwerte, dazu organspezifische Tumormarker wie PSA bei Prostata­verdacht, CA 15-3 bei Brustkrebs, CEA bei Darmkrebs oder AFP bei Leber­tumoren. Allerdings sind Tumormarker nicht beweisend – sie können auch bei gutartigen Erkrankungen erhöht sein und im frühen Krebs normal. Die Bildgebung liefert die räumliche Information: Ultraschall (Sonographie), Mammographie, Computer­tomographie (CT), Magnetresonanz­tomographie (MRT), Positronen-Emissions­tomographie (PET-CT), Skelett­szintigraphie. Endoskopische Verfahren wie Gastroskopie, Koloskopie oder Bronchoskopie ermöglichen einen direkten Blick auf die Schleimhäute. Den entscheidenden Beweis liefert aber erst die Biopsie: dabei wird mit einer feinen Nadel, einer Stanze oder über ein endoskopisches Instrument eine kleine Gewebeprobe gewonnen, die im pathologischen Institut histologisch aufgearbeitet wird. Erst der Pathologe oder die Pathologin sieht unter dem Mikroskop, ob es sich tatsächlich um Krebs handelt, von welchem Gewebe er ausgeht und welche molekularen Eigenschaften er trägt – und diese Information ist heute die Voraussetzung für jede maßgeschneiderte Therapie.

Die Säulen der Krebstherapie

Die moderne Onkologie verfügt über fünf große Therapie­säulen, die je nach Tumorart, Stadium und Allgemein­zustand der Patientin oder des Patienten miteinander kombiniert werden. Die Operation ist bei vielen soliden Tumoren das wichtigste Verfahren mit kurativem (heilendem) Anspruch – vorausgesetzt, der Tumor lässt sich vollständig im Gesunden entfernen (Resektion R0). Die Strahlentherapie nutzt ionisierende Strahlung, um Tumorzellen zu zerstören; sie kommt vor oder nach Operationen (neoadjuvant oder adjuvant), als primäre Therapie etwa bei Kehlkopf- oder Prostatakrebs, oder palliativ zur Linderung von Knochen­metastasen zum Einsatz. Die Chemotherapie mit so genannten Zytostatika wirkt systemisch und greift teilungs­aktive Zellen an – sie ist besonders wirksam bei systemischen Krebsarten wie Leukämien, Lymphomen und Keimzell­tumoren, wird aber auch bei vielen soliden Tumoren ergänzend eingesetzt. Die zielgerichtete Therapie (targeted therapy) richtet sich gegen ganz bestimmte molekulare Strukturen, die nur oder bevorzugt von Tumorzellen exprimiert werden – etwa Tyrosinkinase­inhibitoren bei chronischer myeloischer Leukämie, HER2-Antikörper bei Brustkrebs oder BRAF-Inhibitoren beim Melanom. Die Immuntherapie schließlich, eine der spannendsten Entwicklungen der letzten Jahre, hebt die Bremsen des körpereigenen Abwehr­systems auf, mit denen sich der Tumor bislang vor Angriffen geschützt hatte (Checkpoint-Inhibitoren wie Anti-PD-1- oder Anti-CTLA-4-Antikörper), oder sie nutzt gentechnisch veränderte Immunzellen wie die CAR-T-Zellen, die im Labor speziell auf den Tumor zugeschnitten werden. Jede dieser Säulen hat ihren Platz, ihre Wirksamkeit und ihre Nebenwirkungen – und welche Kombination für eine konkrete Erkrankung am besten passt, entscheidet eine interdisziplinäre Tumorkonferenz aus Onkolog:innen, Chirurg:innen, Radiolog:innen, Patholog:innen und Strahlen­therapeut:innen.

Kurative und palliative Therapieziele

Hinter jeder Therapie­entscheidung steht eine Antwort auf die Frage: was wollen wir mit dieser Behandlung erreichen? Bei einer kurativen Therapie ist das Ziel die vollständige Heilung – der Tumor soll restlos verschwinden, eine Rückkehr soll verhindert werden. Dafür werden in der Regel intensivere Therapien und mehr Nebenwirkungen in Kauf genommen, weil die Aussicht auf ein langes tumorfreies Leben den Aufwand rechtfertigt. Bei einer palliativen Therapie steht dagegen nicht die Heilung im Vordergrund, weil sie aus medizinischer Sicht nicht mehr möglich ist; das Ziel ist die Verlängerung der Lebenszeit bei möglichst guter Lebens­qualität, die Linderung von Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Gewichts­verlust und anderen belastenden Symptomen. Palliativ ist keineswegs gleichbedeutend mit untätig – im Gegenteil: viele moderne Therapien, etwa bei metastasiertem Brust- oder Prostatakarzinom, ermöglichen heute über viele Jahre eine stabile Erkrankung mit guter Allgemein­befindlichkeit. Die palliative Medizin, die in Deutschland in den letzten Jahrzehnten eine eigene Disziplin geworden ist, achtet besonders auf Schmerz­therapie, Symptom­kontrolle, psychosoziale Begleitung und auf Wünsche zur Sterbe­begleitung. Hospiz­dienste und spezialisierte ambulante Palliativ­versorgung (SAPV) sind heute in nahezu jeder deutschen Region erreichbar.

Krebsvorsorge – was wirklich Nutzen bringt

Viele Krebsarten lassen sich heilen, wenn man sie früh genug entdeckt – und manche kann man sogar verhindern, indem man Vorstufen erkennt und entfernt. Aus diesem Grund hat das deutsche Gesundheits­system eine Reihe von Krebsfrüh­erkennungs­untersuchungen in den Leistungs­katalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen. Frauen ab dreißig haben jährlich Anspruch auf eine gynäkologische Tastuntersuchung; ab fünfzig wird zusätzlich alle zwei Jahre eine Mammographie im Rahmen des organisierten Mammographie-Screenings angeboten. Das Zervix­karzinom-Screening kombiniert seit einigen Jahren Pap-Abstrich und HPV-Test. Männer ab 45 können einmal jährlich eine Prostatauntersuchung wahrnehmen. Die Koloskopie wird Männern ab 50 und Frauen ab 55 als Vorsorge­darm­spiegelung angeboten und bei unauffälligem Befund nach zehn Jahren wiederholt – sie ist die wirksamste Einzel­maßnahme, um Darmkrebs zu verhindern, weil dabei nicht nur entdeckt, sondern in derselben Sitzung Vorstufen (Adenome, Polypen) gleich entfernt werden können. Das Hautkrebs-Screening richtet sich an alle Versicherten ab 35 und wird alle zwei Jahre angeboten; gerade beim malignen Melanom ist die Frühentdeckung lebensentscheidend. Der PSA-Test zur Prostatakrebs­früherkennung ist und bleibt umstritten: er entdeckt zwar Tumoren früher, führt aber auch zu Über­diagnosen und Über­therapien bei Männern, die ohne Test nie an ihrem Prostata­krebs gelitten hätten – daher empfehlen die Fachgesellschaften eine sorgfältige, ergebnisoffene Aufklärung vor der Entscheidung. Zur Vorbeugung tragen nach heutigem Wissen wesentlich bei: nicht rauchen, mäßiger Alkohol­konsum, normales Körpergewicht, regelmäßige körperliche Bewegung, eine pflanzenreiche Ernährung, vernünftiger Umgang mit UV-Strahlung sowie die Impfungen gegen HPV und Hepatitis B, die direkt vor bestimmten Tumorarten schützen.

Die seelische Seite einer Krebsdiagnose

Eine Krebs­diagnose ist mehr als eine medizinische Tatsache – sie ist ein biographischer Einschnitt, der das ganze Leben einer Patientin oder eines Patienten und ihrer Angehörigen verändert. Angst, Ohnmacht, Wut, Trauer, manchmal auch Schuldgefühle und Sinn­suche sind ganz normale Reaktionen, die nicht weggeredet werden sollten. Untersuchungen zeigen, dass etwa ein Drittel aller Krebs­kranken im Laufe der Erkrankung an einer behandlungs­bedürftigen Depression oder Angststörung leidet. Es ist deshalb wichtig, neben der körperlichen Therapie auch die seelische Seite ernst zu nehmen. Spezialisierte Psychoonkolog:innen arbeiten in onkologischen Zentren, Reha-Kliniken und Beratungs­stellen; viele Krankenkassen übernehmen die Kosten. Selbst­hilfegruppen – etwa bei der Frauen­selbst­hilfe nach Krebs, bei der Deutschen ILCO für Stoma­träger:innen oder bei den jungen Erwachsenen mit Krebs – bieten den Austausch mit anderen Betroffenen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Auch die Angehörigen brauchen Unterstützung; sie übernehmen oft Pflege, organisatorische Aufgaben und emotionale Stütze gleichzeitig und sind dabei manchmal näher am Zusammenbruch als die Erkrankten selbst. Sprechen Sie in der Apotheke an, wenn Sie Adressen brauchen: die Beratungs­stellen der Deutschen Krebs­hilfe, die kostenfreie Telefon­auskunft des Krebs­informations­dienstes (0800 420 30 40) oder die örtlichen Tumor­beratungs­zentren stehen Ihnen offen.

Was die Schwanen-Apotheke für Sie tun kann

Während einer Krebs­therapie ist Ihre Apotheke vor Ort eine wichtige Anlaufstelle – nicht nur, um Rezepte einzulösen. Wir besorgen Zytostatika und supportive Medikamente in der Regel innerhalb weniger Stunden bis zum nächsten Werktag und bereiten Ihnen auf Wunsch eine übersichtliche Medikations­tafel vor, damit der oft komplexe Therapieplan im Alltag handhabbar bleibt. Wir beraten Sie zu typischen Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erschöpfung (Fatigue), Mundschleimhaut­entzündungen, Hautirritationen unter Strahlentherapie, Polyneuropathie, Geschmacks­veränderungen und veränderten Stuhlgewohnheiten und kennen die Mittel, die hier zuverlässig helfen. Bei Bedarf liefern wir Sie zu Hause aus, beraten zu Hautpflege und Perücken­versorgung, helfen bei der Beantragung von Hilfsmitteln, vermitteln Kontakte zu psychoonkologischen Diensten und zu Pflege­diensten. Sprechen Sie uns einfach an – im persönlichen Gespräch oder über das Kontaktformular. Unser Team kennt die schwierigen Tage einer Krebs­therapie aus jahrzehntelanger Erfahrung und ist gerne für Sie da.

Ihr Team der Schwanen-Apotheke Duisburg Quellen: Robert Koch-Institut (RKI) – Zentrum für Krebsregister­daten; Deutsche Krebs­gesellschaft (DKG); Krebs­informations­dienst des Deutschen Krebs­forschungs­zentrums (KID, DKFZ); Leitlinien­programm Onkologie (S3-Leitlinien); Union for International Cancer Control (UICC, TNM-Klassifikation, 8. Auflage).