Erkrankungen des Immunsystems
Das Immunsystem ist eine der erstaunlichsten Leistungen der menschlichen Biologie. Es schützt uns Tag für Tag vor einer schier unüberschaubaren Zahl von Bakterien, Viren, Pilzen und Parasiten, es erkennt entartete körpereigene Zellen, bevor aus ihnen ein Tumor entstehen kann, und es bewahrt das Innere des Körpers vor giftigen Eiweißen und Fremdstoffen. Wie alle hochkomplexen Systeme kann jedoch auch das Immunsystem aus dem Gleichgewicht geraten. Manche Menschen werden mit einer angeborenen Schwäche der Immunabwehr geboren, andere entwickeln im Laufe ihres Lebens einen erworbenen Immundefekt. Bei wieder anderen schießt das Immunsystem über das Ziel hinaus und richtet sich gegen den eigenen Körper, was eine Autoimmunerkrankung zur Folge hat. Eine vierte Variante ist die Überreaktion gegen eigentlich harmlose Umweltstoffe – die klassische Allergie. Diese Seite gibt Ihnen einen verständlichen, fachlich fundierten Überblick über die wichtigsten Erkrankungen des Immunsystems, ihre Diagnostik und die modernen Behandlungsmöglichkeiten, die in den letzten zwei Jahrzehnten die Versorgung dieser oft chronischen Krankheitsbilder grundlegend verändert haben.
Anatomie und Funktion des Immunsystems im Überblick
Bevor wir uns einzelnen Erkrankungen zuwenden, lohnt sich ein kurzer Blick auf den Aufbau des Immunsystems. Es lässt sich grob in zwei große Abteilungen unterteilen: die unspezifische oder angeborene Immunität und die spezifische oder erworbene Immunität. Die unspezifische Abwehr reagiert sofort, ohne den Erreger genau zu kennen. Zu ihr zählen physikalische Barrieren wie Haut und Schleimhäute, antimikrobielle Substanzen im Schweiß und in Tränenflüssigkeit, das Komplementsystem im Blut, sowie phagozytierende Zellen wie neutrophile Granulozyten, Monozyten und Makrophagen. Die spezifische Abwehr braucht etwas länger, um anzulaufen, dafür ist sie hochpräzise und merkt sich einmal gesehene Erreger ein Leben lang – das ist die Grundlage der erworbenen Immunität nach durchgemachter Infektion oder Impfung.
Träger der spezifischen Abwehr sind die Lymphozyten. Sie entstehen wie alle Blutzellen im Knochenmark, reifen aber an unterschiedlichen Orten zu ihren Endformen. B-Lymphozyten reifen im Knochenmark selbst aus und produzieren später Antikörper (Immunglobuline der Klassen IgM, IgG, IgA, IgD und IgE). T-Lymphozyten reifen im Thymus, einem Organ hinter dem Brustbein, und teilen sich in mehrere Untergruppen auf: T-Helferzellen (CD4+) koordinieren die Immunantwort, zytotoxische T-Zellen (CD8+) erkennen und töten infizierte oder entartete Körperzellen, regulatorische T-Zellen (Tregs) bremsen überschießende Immunreaktionen. Hinzu kommen natürliche Killerzellen (NK-Zellen), die ebenfalls infizierte und veränderte Zellen ohne vorherige Aktivierung angreifen. Lymphknoten, Milz, mandelartige Gewebe im Rachen und in der Darmwand (MALT, GALT) sind die Treffpunkte, an denen die Lymphozyten mit Antigenen in Kontakt kommen und ihre Immunantwort einleiten. Eine Störung an irgendeiner Stelle dieser fein abgestimmten Maschinerie kann sich als Immundefekt äußern.
Primäre Immundefekte – angeboren und oft selten
Unter den primären Immundefekten versteht man genetisch bedingte Erkrankungen, bei denen eine bestimmte Komponente des Immunsystems fehlt oder fehlerhaft arbeitet. Sie sind in der Summe deutlich häufiger, als lange angenommen wurde – mehrere hundert verschiedene Krankheitsbilder sind heute beschrieben, gemeinsam betreffen sie in Deutschland zehntausende Menschen. Die meisten dieser Erkrankungen manifestieren sich bereits im Säuglings- oder Kindesalter, manche treten erst im Erwachsenenalter zutage.
Die schwerste Form ist die schwere kombinierte Immundefizienz (SCID, severe combined immunodeficiency). Bei betroffenen Kindern fehlen sowohl funktionsfähige T- als auch B-Lymphozyten. Ohne Therapie sterben die Kinder meist im ersten Lebensjahr an schweren Infektionen mit Bakterien, Viren, Pilzen und opportunistischen Erregern. Dank des seit 2019 in Deutschland eingeführten Neugeborenenscreenings auf SCID werden betroffene Kinder heute oft schon in den ersten Lebenswochen erkannt – eine rechtzeitige Stammzelltransplantation oder eine spezifische Gentherapie kann ihr Leben retten. Auch wenn die Erkrankung selten ist (etwa eine von 50.000 Geburten), ist dieses Screening eines der wichtigsten Vorsorgeprogramme der Neonatologie.
Häufiger und meist erst später erkennbar ist der variable Immundefekt (CVID, common variable immunodeficiency). Bei dieser Erkrankung produzieren die B-Lymphozyten zu wenig Antikörper, insbesondere zu wenig IgG und IgA. Betroffene leiden unter wiederholten Atemwegsinfektionen mit Pneumokokken und Haemophilus, an chronischen Bronchitiden mit Übergang in eine Bronchiektasenkrankheit, an häufigen Magen-Darm-Infekten und an einer erhöhten Rate von Autoimmunphänomenen und Lymphomen. Die Diagnose stellt der Hausarzt oder eine immunologische Spezialambulanz durch die Bestimmung der Immunglobulinspiegel im Serum. Die Behandlung erfolgt durch regelmäßige Substitution mit Immunglobulinen, die als intravenöse Infusion alle drei bis vier Wochen oder als subkutane Injektion wöchentlich verabreicht werden.
Der selektive IgA-Mangel ist mit einer Häufigkeit von etwa eins zu sechshundert in der mitteleuropäischen Bevölkerung der häufigste angeborene Immundefekt überhaupt. Viele Betroffene sind völlig beschwerdefrei und erfahren nur zufällig im Rahmen einer anderen Untersuchung von ihrem Mangel. Andere leiden unter gehäuften Schleimhautinfekten der oberen Atemwege oder des Darms, neigen zu allergischen Erkrankungen und entwickeln häufiger Autoimmunerkrankungen wie Zöliakie oder einen systemischen Lupus. Ein spezifischer Ersatz ist nicht möglich, weil IgA aus Plasmapräparaten nicht wirksam an die Schleimhäute gelangt; im Vordergrund stehen die schnelle Behandlung von Infekten und die Beobachtung möglicher Begleiterkrankungen.
Die Bruton-Agammaglobulinämie (X-chromosomale Agammaglobulinämie, XLA) ist eine seltene, fast ausschließlich Jungen betreffende Erkrankung. Durch einen Defekt im BTK-Gen reifen B-Lymphozyten nicht aus, sodass im Serum kaum messbare Mengen aller Immunglobulinklassen vorliegen. Die Kinder fallen im zweiten Lebenshalbjahr durch wiederholte bakterielle Infektionen auf, sobald der mütterliche Nestschutz nachlässt. Auch hier ist die lebenslange Substitution mit Immunglobulinen die Therapie der Wahl. Weitere primäre Immundefekte betreffen einzelne Komponenten des Komplementsystems, die Funktion der Phagozyten (zum Beispiel die septische Granulomatose), die T-Zell-Funktion oder Signalwege wie der Hyper-IgE-Syndrome.
Sekundäre Immundefekte – erworben und meist häufiger
Deutlich häufiger als die angeborenen sind die im Laufe des Lebens erworbenen Immundefekte. Sie können viele Ursachen haben. Eine der bekanntesten ist die Infektion mit dem HI-Virus, die unbehandelt nach Jahren in das Vollbild AIDS (acquired immunodeficiency syndrome) übergeht. Das Virus befällt vor allem die CD4-positiven T-Helferzellen und reduziert ihre Zahl im Verlauf der Erkrankung drastisch. Im fortgeschrittenen Stadium kommt es zu opportunistischen Infektionen mit Pneumocystis jirovecii, Toxoplasma gondii, atypischen Mykobakterien oder Cytomegalievirus sowie zu HIV-typischen Tumoren wie Kaposi-Sarkom und bestimmten Lymphomen. Dank der modernen antiretroviralen Kombinationstherapie (cART) ist HIV heute eine gut behandelbare chronische Erkrankung mit nahezu normaler Lebenserwartung – Voraussetzung sind die rechtzeitige Diagnose, ein zuverlässiger Therapiebeginn und eine konsequente Einnahme der Medikamente.
Eine weitere häufige Ursache sekundärer Immundefekte ist die medikamentöse Immunsuppression nach Organtransplantation. Damit das verpflanzte Organ nicht abgestoßen wird, müssen die Empfänger:innen lebenslang Medikamente einnehmen, die das Immunsystem dämpfen – klassische Vertreter sind Calcineurininhibitoren wie Ciclosporin und Tacrolimus, Antimetabolite wie Mycophenolat, mTOR-Inhibitoren wie Sirolimus, und in der Akutphase Steroide oder monoklonale Antikörper gegen T-Zellen. Ähnlich verhält es sich bei Patient:innen mit schweren Autoimmunerkrankungen, die mit Methotrexat, Azathioprin oder Biologicals behandelt werden. Auch nach Chemotherapie ist das Immunsystem über Wochen oder Monate deutlich geschwächt, insbesondere die Neutrophilen sinken stark ab; in dieser Zeit besteht ein erhöhtes Risiko schwerer bakterieller und Pilzinfektionen, weshalb Fieber bei einer:einem Chemopatient:in immer ein medizinischer Notfall ist.
Eine langfristige Steroidtherapie in höherer Dosierung – etwa über mehrere Wochen oder Monate Prednisolon über 10 bis 20 Milligramm pro Tag – dämpft ebenfalls erheblich die Immunabwehr und erhöht die Anfälligkeit für Infektionen, vor allem für Tuberkulose, Hepatitis-B-Reaktivierungen und opportunistische Erreger. Auch ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus schwächt das Immunsystem: hohe Blutzuckerwerte beeinträchtigen die Funktion der Phagozyten und begünstigen Haut-, Wund- und Harnwegsinfektionen. Eine fortgeschrittene Niereninsuffizienz, eine schwere Lebererkrankung, eine Mangelernährung oder ein nephrotisches Syndrom mit Eiweißverlust können ebenfalls in einen klinisch relevanten sekundären Immundefekt münden. Auch Alkohol- und Drogenabusus sowie chronischer schwerer Stress wirken sich nachteilig auf die Immunabwehr aus. In all diesen Situationen ist neben der Therapie der Grunderkrankung die konsequente Impfung gegen vermeidbare Infektionen besonders wichtig.
Autoimmunerkrankungen – das Immunsystem irrt sich
Bei Autoimmunerkrankungen verliert das Immunsystem die Fähigkeit, sicher zwischen körpereigen und körperfremd zu unterscheiden. Es bildet Antikörper oder zytotoxische Zellen gegen körpereigene Strukturen und löst damit eine chronische Entzündung in dem betroffenen Gewebe aus. Die Liste der Autoimmunerkrankungen ist lang, gemeinsam betreffen sie in Deutschland mehrere Millionen Menschen. Manche sind organspezifisch, andere greifen gleich mehrere Organsysteme an.
Der systemische Lupus erythematodes (SLE) ist die klassische systemische Autoimmunerkrankung. Er befällt vor allem Frauen im gebärfähigen Alter und kann nahezu jedes Organ betreffen. Typische Symptome sind ein schmetterlingsförmiges Erythem im Gesicht, Gelenkschmerzen, Pleuritis und Perikarditis, eine Lupusnephritis mit Eiweißverlust über die Niere, neurologische Symptome und Blutbildveränderungen. Laborchemisch finden sich antinukleäre Antikörper (ANA) und besonders charakteristisch Antikörper gegen doppelsträngige DNA (Anti-dsDNA). Die Rheumatoide Arthritis ist eine chronische, symmetrische Entzündung vor allem der kleinen Gelenke an Händen und Füßen. Unbehandelt führt sie zu fortschreitender Gelenkzerstörung mit erheblicher Behinderung. Im Serum finden sich Rheumafaktoren und CCP-Antikörper.
Das Sjögren-Syndrom betrifft vor allem die exokrinen Drüsen und führt zu trockenen Augen (Keratoconjunctivitis sicca) und trockenem Mund (Xerostomie); es kann isoliert auftreten oder andere Kollagenosen begleiten. Die systemische Sklerose (Sklerodermie) ist eine Verhärtung der Haut und innerer Organe durch eine pathologische Bindegewebsvermehrung; je nach Form sind Finger, Gesicht, Lunge, Herz und Niere betroffen. Die Mixed Connective Tissue Disease (MCTD, Sharp-Syndrom) verbindet Symptome verschiedener Kollagenosen mit charakteristischen U1-RNP-Antikörpern. Bei den Vaskulitiden entzünden sich die Blutgefäße – je nach Größe der betroffenen Gefäße spricht man von Klein-, Mittel- und Großgefäßvaskulitis (Beispiele: ANCA-assoziierte Vaskulitiden wie Granulomatose mit Polyangiitis, Riesenzellarteriitis bei älteren Menschen).
Im Nervensystem ist die Multiple Sklerose die wichtigste autoimmunvermittelte Erkrankung. T-Zellen und Antikörper greifen die Markscheiden im Zentralnervensystem an, was zu schubartig oder schleichend fortschreitenden neurologischen Ausfällen führt – Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen, Gangstörungen, Blasenstörungen, Erschöpfung. Im endokrinen System sind die Hashimoto-Thyreoiditis mit einer Schilddrüsenunterfunktion und der Morbus Basedow mit einer Überfunktion die häufigsten Vertreter. Die Myasthenia gravis ist eine Autoimmunerkrankung der neuromuskulären Endplatte mit belastungsabhängiger Muskelschwäche.
Im Magen-Darm-Trakt zählen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa zu den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen mit autoimmunähnlicher Pathogenese; sie führen zu Bauchschmerzen, Durchfällen, Gewichtsverlust und einer Vielzahl extraintestinaler Manifestationen. Auf der Haut ist die Psoriasis ein hochinteressantes Beispiel für eine T-Zell-vermittelte chronische Entzündung mit beschleunigter Hautzellteilung und schuppenden, geröteten Plaques; viele Patient:innen entwickeln zusätzlich eine Psoriasisarthritis. Weitere wichtige Autoimmunerkrankungen sind Zöliakie (Glutenunverträglichkeit), Diabetes mellitus Typ 1 (autoimmune Zerstörung der Betazellen der Bauchspeicheldrüse), perniziöse Anämie (Antikörper gegen Intrinsic Factor) und Pemphigus vulgaris (Antikörper gegen Hautdesmoglein).
Allergien – wenn das Immunsystem über das Ziel hinausschießt
Allergien sind überschießende Immunreaktionen gegen eigentlich harmlose Umweltstoffe wie Pollen, Tierhaare, Hausstaubmilben, Nahrungsmittel oder Medikamente. Nach der klassischen Coombs-Einteilung unterscheidet man vier Typen, klinisch besonders relevant sind der Soforttyp (Typ I) und der Spättyp (Typ IV).
Bei der IgE-vermittelten Soforttypallergie bildet der Körper bei einem ersten Allergenkontakt IgE-Antikörper. Bei jedem weiteren Kontakt setzen Mastzellen und basophile Granulozyten innerhalb von Minuten Histamin und andere Entzündungsmediatoren frei. Klinisch zeigt sich das als Schnupfen, Augentränen, Niesen (Heuschnupfen, allergische Rhinokonjunktivitis), als Atemnot mit Giemen (allergisches Asthma), als juckende Quaddeln auf der Haut (Urtikaria) oder im Magen-Darm-Trakt als Übelkeit, Erbrechen und Durchfall (Nahrungsmittelallergie). Die schwerste Form ist der anaphylaktische Schock: innerhalb weniger Minuten kommt es zu generalisierter Quaddelbildung, Atemwegsschwellung, Blutdruckabfall und Bewusstlosigkeit. Die Anaphylaxie ist ein medizinischer Notfall, der sofortige Adrenalingabe und intensivmedizinische Versorgung erfordert. Menschen mit bekanntem Anaphylaxierisiko (etwa nach Insektenstichallergie oder schwerer Nahrungsmittelallergie auf Nüsse) sollten immer ein Notfallset mit Adrenalin-Autoinjektor mit sich führen – wir beraten Sie in unserer Apotheke ausführlich zur Anwendung.
Bei der verzögerten Spättypallergie (Typ IV) sind nicht Antikörper, sondern T-Lymphozyten beteiligt. Die Reaktion entwickelt sich erst 24 bis 72 Stunden nach Kontakt. Klassisches Beispiel ist das Kontaktekzem nach Hautkontakt mit Nickel, bestimmten Duftstoffen, Konservierungsstoffen oder Medikamenten wie Neomycin. Auch die Tuberkulinreaktion gehört zum Typ IV. Therapeutisch steht bei beiden Reaktionstypen die konsequente Meidung des auslösenden Allergens an erster Stelle. Symptomatisch helfen Antihistaminika (zum Beispiel Cetirizin, Loratadin, Bilastin), bei Asthma inhalative Cortison-Präparate und Beta-2-Sympathomimetika, bei Hauterscheinungen lokale Steroide oder Calcineurininhibitoren. Bei vielen Soforttypallergien ist eine spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) sinnvoll, bei der über drei bis fünf Jahre steigende Dosen des Allergens injiziert oder sublingual angewandt werden, um eine immunologische Toleranz aufzubauen.
Diagnostik bei Verdacht auf Immunerkrankungen
Die Diagnostik richtet sich nach dem klinischen Verdacht. Bei Verdacht auf einen Immundefekt stehen zunächst Blutbild und Differentialblutbild, die Bestimmung der Immunglobulinspiegel (IgG, IgA, IgM, IgE), die Lymphozytensubpopulationen mittels Durchflusszytometrie sowie die Komplementfaktoren auf dem Programm. Bei Hinweisen auf einen primären Immundefekt schließen sich genetische Untersuchungen und gegebenenfalls Funktionsassays in einem spezialisierten immunologischen Labor an. Ein HIV-Test gehört bei jedem ungeklärten sekundären Immundefekt zur Standarddiagnostik.
Bei Verdacht auf eine Autoimmunerkrankung sind antinukleäre Antikörper (ANA) ein wichtiger Suchtest. Bei positivem ANA-Befund folgen spezifischere Bestimmungen wie Anti-dsDNA, Anti-Sm, Anti-Ro/SS-A, Anti-La/SS-B, Anti-U1-RNP, Anti-Scl-70 und Anti-Jo-1. Bei rheumatischen Beschwerden kommen Rheumafaktoren und CCP-Antikörper hinzu, bei Verdacht auf eine Vaskulitis ANCA-Bestimmungen (cANCA, pANCA), bei Verdacht auf Zöliakie Anti-Transglutaminase-Antikörper, bei Verdacht auf Hashimoto Anti-TPO- und Anti-TG-Antikörper. Bildgebende Verfahren wie Ultraschall der Gelenke, MRT von Wirbelsäule oder Gehirn und in Einzelfällen eine Gewebebiopsie ergänzen die Labordiagnostik. Allergietestungen erfolgen über die Bestimmung spezifischer IgE-Antikörper im Blut (CAP- bzw. RAST-Test) und über Hauttests (Pricktest, Intrakutantest, Epikutantest).
Therapieprinzipien: Immunsuppression und moderne Biologicals
Die Therapie von Autoimmunerkrankungen verfolgt grundsätzlich das Ziel, die fehlgeleitete Immunreaktion zu dämpfen, ohne den Körper schutzlos gegenüber Infektionen zurückzulassen. Klassische Säulen sind Glukokortikoide wie Prednisolon, die schnell und stark entzündungshemmend wirken, langfristig aber erhebliche Nebenwirkungen haben (Osteoporose, Gewichtszunahme, Blutzuckeranstieg, Magengeschwüre, Hautatrophie, Infektneigung). Sie werden deshalb möglichst niedrig dosiert und mit anderen Substanzen kombiniert oder ersetzt.
Zu den klassischen krankheitsmodifizierenden Antirheumatika (DMARDs) gehört das Methotrexat, ein Folsäureantagonist, der einmal wöchentlich in niedriger Dosis als Tablette oder Injektion gegeben wird. Es ist der Goldstandard bei rheumatoider Arthritis und auch bei vielen anderen Autoimmunerkrankungen wirksam. Wichtige Nebenwirkungen sind Übelkeit, Leberwerterhöhungen und in seltenen Fällen Blutbildveränderungen; die Gabe von Folsäure am Tag nach dem Methotrexat reduziert die Nebenwirkungen deutlich. Weitere klassische Immunsuppressiva sind Azathioprin (Bremsung der Lymphozytenteilung), Mycophenolat, Leflunomid, Cyclosporin und Cyclophosphamid für besonders schwere Verläufe.
In den letzten zwei Jahrzehnten haben die Biologicals die Behandlung der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, der Psoriasis und der Multiplen Sklerose revolutioniert. Es handelt sich um gentechnisch hergestellte Antikörper oder Rezeptorfusionsproteine, die gezielt einzelne Schlüsselmoleküle der Immunantwort blockieren. Die ersten Vertreter waren die TNF-Alpha-Inhibitoren wie Infliximab, Etanercept, Adalimumab, Certolizumab und Golimumab. Sie binden den Tumor-Nekrose-Faktor Alpha, einen zentralen Entzündungsbotenstoff. Es folgten Hemmstoffe der Interleukin-6-Achse (Tocilizumab, Sarilumab), der Interleukin-17- (Secukinumab, Ixekizumab) und Interleukin-23-Achse (Guselkumab, Risankizumab), B-Zell-depletierende Antikörper (Rituximab), Komplement-Inhibitoren (Eculizumab) und viele weitere. Bei Multipler Sklerose sind monoklonale Antikörper wie Natalizumab, Ocrelizumab und Ofatumumab heute Pfeiler der Therapie.
Eine neuere Klasse sind die JAK-Inhibitoren (Januskinase-Inhibitoren) wie Baricitinib, Tofacitinib, Upadacitinib und Filgotinib. Sie sind Tabletten und greifen in die intrazelluläre Signalweitergabe von Zytokinen ein. Sie sind hochwirksam bei rheumatoider Arthritis, Psoriasisarthritis und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, müssen aber wegen erhöhter Risiken für schwere Infektionen, Thrombosen und kardiovaskuläre Ereignisse mit besonderer Sorgfalt eingesetzt werden – aktuelle Empfehlungen der European Medicines Agency raten zur restriktiven Anwendung bei älteren Patient:innen mit Risikofaktoren. Vor jedem Beginn einer immunmodulierenden Therapie ist eine sorgfältige Vorababklärung wichtig: Tuberkulose-Screening, Hepatitis-B- und -C-Status, HIV-Status, ein aktueller Impfschutz.
Impfungen bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem
Gerade Menschen mit primärem oder sekundärem Immundefekt sowie Patient:innen unter immunsuppressiver Therapie sind besonders anfällig für Infektionen, die bei Gesunden meist mild verlaufen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut hat detaillierte Empfehlungen für diese Patient:innengruppen herausgegeben. Wichtige Eckpunkte: Totimpfstoffe (zum Beispiel gegen Influenza, Pneumokokken, Pertussis, Hepatitis B, COVID-19, Tetanus, Diphtherie) sind bei Immunsupprimierten grundsätzlich erlaubt, die Impfantwort kann allerdings schwächer ausfallen, weshalb teilweise Auffrischimpfungen früher angesetzt werden. Eine jährliche Influenza-Impfung und eine vollständige Pneumokokken-Impfung mit PCV15 oder PCV20 und PPSV23 sind besonders wichtig.
Lebendimpfstoffe wie Masern-Mumps-Röteln, Varizellen, Gelbfieber und Rotaviren sind unter laufender Immunsuppression dagegen kontraindiziert – sie können bei diesen Patient:innen schwere Impfkrankheiten auslösen. Wann immer möglich sollten fehlende Impfungen schon vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie nachgeholt werden, idealerweise mindestens vier Wochen vor Therapiebeginn. Auch die Haushaltsmitglieder von Immunsupprimierten sollten konsequent geimpft sein (Kokonstrategie), um die betroffene Person zu schützen. In unserer Apotheke prüfen wir gerne Ihren Impfpass und beraten Sie zu den aktuellen STIKO-Empfehlungen.
Selbsthilfe und Alltagstipps
Wer mit einer chronischen Immunerkrankung lebt, kann selbst viel tun, um die Lebensqualität zu verbessern. Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Eiweiß, frischem Obst und Gemüse, eine regelmäßige moderate körperliche Aktivität, ausreichend Schlaf und ein bewusster Umgang mit Stress unterstützen das Immunsystem. Bei einigen Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis hat sich eine mediterrane Ernährung mit viel Omega-3-Fettsäuren als entzündungshemmend erwiesen. Nikotinverzicht ist bei MS, Lupus und ANCA-Vaskulitiden ein erwiesener Schutzfaktor – Rauchen verschlechtert nachweisbar die Prognose dieser Erkrankungen. Mäßiger Alkoholkonsum ist meist möglich, hochprozentiger und exzessiver Konsum ist kritisch und mit vielen immunsuppressiven Medikamenten unverträglich.
Auf Reisen in tropische Länder ist eine sorgfältige Vorbereitung sinnvoll: aktueller Impfstatus, Malariaprophylaxe nach individuellem Risiko, Reiseapotheke mit Antibiotikum für die Selbstbehandlung schwerer Reisediarrhö (in Absprache mit der behandelnden Ärztin), Trinkwasserhygiene und Mückenschutz. Viele Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen bieten wertvolle Informationen und persönlichen Austausch – etwa die Deutsche Rheuma-Liga, die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, der DCCV für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, der Deutsche Allergie- und Asthmabund oder die Deutsche Selbsthilfe Angeborene Immundefekte (DSAI). Die Erfahrung anderer Betroffener kann manche praktische Frage besser beantworten, als jedes Lehrbuch es vermag.
Wir beraten Sie
Eine Erkrankung des Immunsystems wirft viele Fragen auf – in der ärztlichen Sprechstunde bleibt oft zu wenig Zeit, um alles in Ruhe zu klären. In der Schwanen-Apotheke Duisburg nehmen wir uns Zeit für Sie. Wir erklären Ihnen die Wirkungsweise Ihrer Immunsuppressiva und Biologicals, weisen auf wichtige Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Nahrungsmitteln hin, beraten Sie zur richtigen Lagerung und Anwendung von Subkutaninjektionen, zur Aufbewahrung gekühlter Biologicals auf Reisen und zur Vorbereitung auf eine Infusion. Wir prüfen Ihren Impfpass, beraten Sie zu Reiseimpfungen und Anaphylaxie-Notfallsets und stehen Ihnen auch bei Allergiebeschwerden mit Antihistaminika, Cortisonsprays, Asthmasprays und Hauttherapien zur Seite. Besuchen Sie uns gerne in der Apotheke oder kontaktieren Sie uns über unser Kontaktformular.