Diagnoseverfahren in der Augenheilkunde
Die moderne Augenheilkunde verfügt über ein außergewöhnlich breites Spektrum an diagnostischen Verfahren. Kaum ein anderes medizinisches Fach kann seine Strukturen so unmittelbar und so detailliert sichtbar machen wie die Ophthalmologie – und das aus einem einfachen Grund: das Auge ist optisch nach außen geöffnet. Während Kardiologie, Gastroenterologie oder Neurologie auf indirekte Bildgebung oder invasive Eingriffe angewiesen sind, kann eine Augenärztin oder ein Augenarzt die Netzhaut, die Aderhaut, den Sehnerv, die Hornhaut, die Linse und den Glaskörper direkt mit Licht und Mikroskop einsehen, oft ohne dass die untersuchte Person mehr als ein paar Sekunden ruhig sitzen muss. Auf dieser Seite stellen wir Ihnen die wichtigsten Untersuchungsmethoden in einer Reihenfolge vor, die sich am tatsächlichen Ablauf einer augenärztlichen Sprechstunde orientiert: vom ärztlichen Gespräch und der Sehprüfung über die Untersuchung an der Spaltlampe und die Beurteilung des Augenhintergrunds bis hin zu hochspezialisierten Verfahren wie der optischen Kohärenztomographie, der Fluoreszein-Angiographie oder der Elektrophysiologie. Damit Sie sich vor einem Termin orientieren können, beschreiben wir jeweils, was untersucht wird, wie das Verfahren abläuft und in welchen Krankheitssituationen es zum Einsatz kommt.
Anamnese – das Gespräch am Anfang
Jede sinnvolle augenärztliche Untersuchung beginnt mit einer sorgfältigen Anamnese. Das ärztliche Gespräch wirkt oft unspektakulär, ist aber das zentrale diagnostische Werkzeug überhaupt – weil es die Richtung aller weiteren Schritte vorgibt. Gefragt wird zunächst nach dem aktuellen Beschwerdebild: Wann hat sich die Sehkraft verändert? War der Beginn plötzlich oder schleichend? Betrifft das Problem ein Auge oder beide? Liegen Schmerzen vor, ein Druckgefühl, Lichtempfindlichkeit, ein vorgesetzter Schleier, eine Rötung, ein tränendes Auge oder ein Fremdkörpergefühl? Verstärken sich die Beschwerden bei Naharbeit, bei Dunkelheit oder bei Belastung? Treten Doppelbilder auf? Wenn ja: nur einäugig oder mit beiden Augen?
Darüber hinaus interessiert sich die Ärztin oder der Arzt für die allgemeine Vorgeschichte. Liegen Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck, rheumatische Leiden, Schilddrüsenfunktionsstörungen oder neurologische Diagnosen vor? Werden Medikamente eingenommen, die das Auge beeinflussen können – etwa Cortisonpräparate (Risiko Katarakt und Glaukom), Hydroxychloroquin (Risiko Makulopathie), Tamoxifen, Amiodaron oder bestimmte Antibiotika? Wurde am Auge bereits operiert, gab es Verletzungen, Entzündungen oder eine Behandlung mit intravitrealen Injektionen? Auch die Familienanamnese ist relevant: ein primäres Offenwinkelglaukom, eine Makuladegeneration, ein Keratokonus, eine Retinitis pigmentosa oder ein Strabismus bei Eltern oder Geschwistern erhöhen das eigene Risiko deutlich und beeinflussen Screeningintervalle. Schließlich werden Lebensumstände erfragt: Beruf, Bildschirmzeiten, Hobbys, Brillenhistorie, Kontaktlinsentragezeiten, Auto- und Motorradfahren. Erst aus all diesen Bausteinen entsteht das Bild, das die anschließenden apparativen Untersuchungen sinnvoll steuert.
Visusprüfung – wie gut sehen Sie wirklich?
Die Visusprüfung ist die klassische Sehschärfenmessung und gehört zu jeder augenärztlichen Untersuchung. Geprüft wird, wie klein ein Sehzeichen sein darf, das aus einer definierten Entfernung gerade noch erkannt werden kann. Verwendet werden dafür sogenannte Sehzeichentafeln (Optotypentafeln). Die historisch bekannteste ist die Snellen-Tafel, auf der von oben nach unten immer kleinere Buchstaben angeordnet sind. Der Visus wird klassisch als Bruch angegeben – 20/20 (oder 6/6) entspricht der vollen Sehschärfe einer gesunden Vergleichsperson. In Deutschland ist heute die dezimale Schreibweise üblich: 1,0 für volle Sehkraft, 0,8 für leicht reduziert, 0,5 für mäßig reduziert und so weiter.
Wissenschaftlich präziser ist die ETDRS-Tafel (Early Treatment Diabetic Retinopathy Study). Sie wurde in den 1980er Jahren als Standard für klinische Studien entwickelt und hat in jeder Zeile gleich viele Buchstaben mit gleichem Abstand, sodass die Sehschärfe in feinen logarithmischen Schritten erfasst werden kann (logMAR-Skala). Die ETDRS-Tafel hat sich inzwischen auch in der täglichen Praxis bewährt, besonders bei Verlaufskontrollen von Makulaerkrankungen, bei denen es auf kleine Veränderungen ankommt. Für Kinder, Analphabet:innen und Menschen mit kognitiven Einschränkungen gibt es spezielle Tafeln mit Bildern (Lea-Symbole), mit Zahlen oder mit Landolt-Ringen, deren Öffnungsrichtung anzugeben ist.
Geprüft wird der Visus in der Regel monokular (jedes Auge einzeln) zunächst ohne, dann mit eventueller Korrektur, und sowohl in der Ferne (5 Meter) als auch in der Nähe (40 Zentimeter). Die Differenz zwischen unkorrigiertem und bestkorrigiertem Visus gibt einen ersten Hinweis auf einen Refraktionsfehler. Ein bestkorrigierter Visus, der trotz optimaler Brille deutlich unter 1,0 liegt, deutet auf eine Erkrankung des optischen Apparats oder der Netzhaut hin.
Refraktionsbestimmung – die richtige Brillenstärke finden
Die Refraktion beschreibt den Brechungszustand des Auges – also die Frage, ob ein Bild ohne Korrektur scharf auf der Netzhaut entsteht oder ob es davor (Kurzsichtigkeit, Myopie), dahinter (Weitsichtigkeit, Hyperopie) oder unregelmäßig (Stabsichtigkeit, Astigmatismus) abgebildet wird. Zur Bestimmung der Refraktion stehen zwei sich ergänzende Methoden zur Verfügung: das objektive und das subjektive Verfahren.
Bei der objektiven Refraktion kommt das Autorefraktometer zum Einsatz, ein computergesteuertes Gerät, das in wenigen Sekunden einen Messwert ermittelt. Die untersuchte Person schaut in das Gerät, fixiert ein Bild (häufig ein Heißluftballon am Ende einer langen Straße) und das Gerät projiziert ein Infrarot-Muster auf die Netzhaut. Aus der Verzerrung des reflektierten Musters berechnet die Software Sphäre, Zylinder und Achse. Dieser Wert ist eine wertvolle Ausgangsbasis, ersetzt aber die persönliche Abstimmung nicht. In der Augenheilkunde ist auch die Skiaskopie verbreitet, ein klassisches manuelles Verfahren mit einem Spiegel und Korrekturgläsern, das insbesondere bei Kindern, die noch nicht zuverlässig kommunizieren können, sehr aussagekräftig ist.
In der subjektiven Refraktion wird dann gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten die optimale Korrektur ermittelt. Dafür wird eine Probierbrille oder ein Phoropter verwendet, in den verschiedene Gläser eingelegt werden. Schritt für Schritt wird gefragt: „Sehen Sie mit Glas 1 oder mit Glas 2 schärfer?“ Mit dem Kreuzzylinder wird die Achse des Astigmatismus optimiert, mit Plus- und Minusgläsern die sphärische Stärke. Bei Verdacht auf eine Akkommodationsspannung, insbesondere bei Kindern und jungen Erwachsenen mit unklarem Sehfehler, kann die zykloplegische Refraktion notwendig sein: nach Eintropfen eines die Naheinstellung lähmenden Mittels (zum Beispiel Cyclopentolat) wird der wahre, von der Akkommodation unbeeinflusste Brechungszustand bestimmt.
Spaltlampenuntersuchung – das Mikroskop des Augenarztes
Die Spaltlampe ist das Arbeitspferd jeder augenärztlichen Praxis. Sie besteht im Wesentlichen aus einem binokularen Stereomikroskop mit hoher Vergrößerung und einer Lichtquelle, deren Lichtstrahl auf einen schmalen, vertikalen Spalt zusammengezogen werden kann. Dieser Spalt erzeugt einen optischen Schnitt durch die durchsichtigen Strukturen des Auges – man sieht damit die Hornhaut, die Vorderkammer mit dem Kammerwasser, die Iris, die Linse und mit zusätzlichen Lupen auch den vorderen Glaskörper und die Netzhaut. Eine geübte Untersucherin kann an der Spaltlampe Mikrodefekte der Hornhaut, kleinste Zellen im Kammerwasser, beginnende Linsentrübungen oder Pigmentierungen auf der Iris erkennen, die ohne Vergrößerung völlig unsichtbar wären.
Zum Standardrepertoire der Spaltlampenuntersuchung gehört das Eintropfen von Fluoreszein, einem gelb-grünlichen Farbstoff. Er färbt Hornhautdefekte und Bereiche, in denen das schützende Epithel fehlt, deutlich an – im Spaltlampenlicht mit Blaufilter leuchten betroffene Stellen leuchtend grün. So lassen sich kleine Erosionen, ein Fremdkörperkratzer, eine Keratitis durch ausgetrocknete oder schlecht sitzende Kontaktlinsen oder eine herpetische Dendritfigur sofort identifizieren. Auch der Sitz und die Beweglichkeit von Kontaktlinsen kann beurteilt werden. Mit einem zusätzlichen Dreispiegelkontaktglas (Goldmann-Glas) lassen sich der Kammerwinkel und die äußerste Netzhautperipherie inspizieren – dazu mehr unter Gonioskopie.
Fundoskopie – Blick auf den Augenhintergrund
Die Fundoskopie oder Ophthalmoskopie bezeichnet die Beurteilung des Augenhintergrunds – also der Netzhaut, der Papille (Eintrittsstelle des Sehnervs), der Makula (Stelle des schärfsten Sehens) und der Netzhautgefäße. Sie ist eine der zentralsten Untersuchungen der Augenheilkunde, weil viele systemische Erkrankungen am Augenhintergrund sichtbare Spuren hinterlassen: Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Anämien, Lebererkrankungen, multiple Sklerose, intrakranielle Druckerhöhung, Tumoren und Metastasen.
Es werden zwei Hauptverfahren unterschieden. Die direkte Ophthalmoskopie erfolgt mit einem Handgerät, das ein aufrechtes, etwa 15-fach vergrößertes Bild eines kleinen Netzhautausschnitts liefert. Sie ist schnell durchführbar, gut geeignet für eine erste Orientierung und wird auch von Hausärztinnen, Neurolog:innen und Internist:innen häufig eingesetzt – vor allem zur Beurteilung der Papille bei Verdacht auf erhöhten Hirndruck. Die indirekte Ophthalmoskopie wird mit einer am Kopf getragenen Lichtquelle und einer vorgehaltenen Lupe (typischerweise +20 oder +28 Dioptrien) durchgeführt. Sie liefert ein seitenverkehrtes, auf dem Kopf stehendes Bild mit geringerer Vergrößerung, aber wesentlich größerem Bildfeld – ideal, um die periphere Netzhaut auf Löcher, Risse, Degenerationen oder eine Netzhautablösung zu untersuchen. Für eine vollständige Beurteilung wird in der Regel die Pupille mit kurzwirkenden Tropfen (zum Beispiel Tropicamid) erweitert; danach besteht für einige Stunden Blendempfindlichkeit und unscharfes Nahsehen, weshalb das Autofahren in den folgenden Stunden unterbleiben sollte.
Tonometrie – Messung des Augeninnendrucks
Der Augeninnendruck entsteht durch das ständige Produzieren und Abfließen des Kammerwassers im vorderen Augenabschnitt. Bei einem gesunden Auge liegt er etwa zwischen 10 und 21 mmHg. Erhöhte Werte sind der wichtigste Risikofaktor für das Glaukom (Grüner Star) – eine fortschreitende Schädigung des Sehnervs, die unbehandelt zur Erblindung führen kann. Da das Glaukom in seinen häufigsten Formen lange ohne Beschwerden verläuft, ist die regelmäßige Tonometrie eines der wichtigsten Screeninginstrumente der Augenheilkunde, insbesondere ab einem Alter von rund 40 Jahren und bei familiärer Vorbelastung.
Die Applanationstonometrie nach Goldmann gilt als Referenzverfahren. Nach Eintropfen eines Lokalanästhetikums in Kombination mit Fluoreszein wird ein kleiner Messkörper sanft an die Hornhaut gedrückt. Aus der Kraft, die nötig ist, um eine genau definierte Fläche von 3,06 Millimetern Durchmesser flach zu drücken, ergibt sich der Augeninnendruck. Die Messung dauert wenige Sekunden, ist schmerzfrei und sehr zuverlässig. Die Non-Contact-Tonometrie arbeitet berührungsfrei mit einem kurzen Luftstoß und ist deshalb angenehmer und auch ohne Betäubung möglich – sie ist aber weniger präzise und wird vor allem als Screening verwendet. Die Pascal-Tonometrie (dynamische Konturentonometrie) ist eine modernere Methode, die weniger von der Dicke der Hornhaut beeinflusst wird; das ist besonders wichtig nach refraktiven Hornhautoperationen wie LASIK, bei denen die klassische Goldmann-Messung systematisch zu niedrige Werte liefert. Ergänzend wird die zentrale Hornhautdicke (Pachymetrie) bestimmt, weil dünne Hornhäute mit niedrigeren Messwerten und einem erhöhten Glaukomrisiko einhergehen.
Gonioskopie – der Blick in den Kammerwinkel
Die Gonioskopie ist die einzige Methode, mit der der Kammerwinkel direkt beurteilt werden kann – jener Bereich an der Übergangsstelle zwischen Hornhaut und Iris, in dem das Kammerwasser über das Trabekelmaschenwerk abfließt. Sie ist unverzichtbar bei der Differenzierung zwischen Offenwinkel- und Engwinkelglaukom, weil sich die Therapie der beiden Formen wesentlich unterscheidet: das Offenwinkelglaukom wird in der Regel mit Augentropfen, das Engwinkelglaukom häufig mit einem Lasereingriff (YAG-Iridotomie) behandelt.
Untersucht wird mit einem Kontaktglas (zum Beispiel nach Goldmann oder Zeiss), das nach Lokalanästhesie und einem Kontaktgel auf die Hornhaut aufgesetzt wird. Spiegel im Kontaktglas lenken den Blick auf den Kammerwinkel. Beurteilt werden der Öffnungsgrad (offen, eng, geschlossen), die Pigmentierung des Trabekelwerks, Synechien (Verklebungen) zwischen Iris und Hornhaut sowie strukturelle Auffälligkeiten. Moderne Geräte ermöglichen eine berührungsfreie Bildgebung des Kammerwinkels – etwa über die Vorderabschnitts-OCT, die hier weiter unten erwähnt wird.
Perimetrie – Vermessung des Gesichtsfelds
Das Gesichtsfeld bezeichnet alles, was wir bei unbewegtem Blick gleichzeitig wahrnehmen können – nicht nur dort, wo wir scharf hinsehen, sondern auch in der Peripherie. Die Perimetrie ist die quantitative Vermessung dieses Sichtbereichs und damit ein zentrales Instrument bei zahlreichen Erkrankungen: beim Glaukom (typische bogenförmige Ausfälle), bei Netzhauterkrankungen (zentrale oder ringförmige Skotome), bei Erkrankungen des Sehnervs (sektorenförmige Defekte) und bei neurologischen Diagnosen wie Hirntumoren, Schlaganfällen oder einer multiplen Sklerose (homonyme oder heteronyme Ausfälle, die der jeweiligen Schädigungsstelle in der Sehbahn entsprechen).
Die statische Perimetrie ist heute Standard. Die untersuchte Person blickt in eine halbkugelförmige Schale und fixiert einen zentralen Punkt. An verschiedenen Stellen werden kurz leuchtende Lichtreize unterschiedlicher Helligkeit dargeboten; jedes Mal, wenn ein Reiz wahrgenommen wird, drückt die Person eine Taste. Die Software berechnet daraus eine Karte der Wahrnehmungsschwellen für jedes geprüfte Areal und vergleicht sie mit altersnormierten Referenzwerten. Die kinetische Perimetrie nach Goldmann wird seltener eingesetzt, ist aber bei sehr ausgedehnten oder atypischen Defekten und in der gutachterlichen Tätigkeit (Führerschein, Berufstauglichkeit) weiterhin wichtig – bei ihr wird ein Lichtreiz von außen nach innen geführt, bis er gerade wahrgenommen wird. Verlaufsperimetrien (zum Beispiel halbjährlich beim Glaukom) sind eines der zuverlässigsten Mittel, eine Verschlechterung früh zu erkennen.
Optische Kohärenztomographie (OCT) – Schichtbild der Netzhaut
Die optische Kohärenztomographie (englisch optical coherence tomography, kurz OCT) hat die Augenheilkunde der letzten zwei Jahrzehnte revolutioniert. Sie arbeitet mit infrarotem Licht und erzeugt nach dem Prinzip der Interferometrie hochauflösende Schnittbilder der Netzhaut, vergleichbar mit einem Ultraschall, aber mit etwa zehntausendfach besserer Auflösung. Innerhalb weniger Sekunden, völlig berührungsfrei und ohne Strahlenbelastung entsteht ein detailliertes Schichtbild, auf dem sich die einzelnen Schichten der Netzhaut, die Photorezeptoren, das retinale Pigmentepithel und die darunter liegende Aderhaut darstellen lassen.
Eine OCT der Makula gehört heute zur Standarduntersuchung bei jeder Verdachtsdiagnose der Netzhautmitte: bei der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) lassen sich Drusen, atrophische Areale und neovaskuläre Membranen darstellen; beim diabetischen Makulaödem ist die intraretinale Flüssigkeit quantifizierbar und bildet die Grundlage für die Entscheidung über intravitreale Injektionen; bei der Makulopathie nach Venenverschluss sieht man Flüssigkeitseinlagerungen und Schichtdesorganisation; bei der Chorioretinopathia centralis serosa wird das subretinale Wasser sichtbar; bei einem Makulaforamen oder einer epiretinalen Gliose zeigt die OCT, ob eine Operation sinnvoll ist und welcher Erfolg erwartet werden darf. Die peripapilläre OCT misst die Dicke der retinalen Nervenfaserschicht und ist eines der empfindlichsten Verfahren zur Früherkennung und Verlaufskontrolle eines Glaukoms – oft schon Jahre, bevor das Gesichtsfeld einen Defekt zeigt. Die Vorderabschnitts-OCT bildet Hornhaut, Vorderkammer und Kammerwinkel ab; die OCT-Angiographie (OCT-A) erzeugt durch wiederholte Messungen an derselben Stelle und Analyse der Blutbewegung sogar Gefäßbilder der Netzhaut und Aderhaut ganz ohne Farbstoffinjektion.
Fluoreszein-Angiographie und ICG-Angiographie
Die Fluoreszein-Angiographie (FAG) ist seit den 1960er Jahren ein etabliertes Verfahren zur Beurteilung der Netzhautgefäße. Über eine Armvene wird der Farbstoff Natriumfluoreszein injiziert, der mit dem Blutstrom innerhalb weniger Sekunden die Augengefäße erreicht. Eine spezielle Funduskamera fotografiert in rascher Folge den Augenhintergrund und zeichnet auf, wie sich der Farbstoff durch die Netzhautarterien, das Kapillarnetz und die Venen verteilt. So werden Bereiche schlechter Durchblutung, Mikroaneurysmen, Gefäßleckagen, Neovaskularisationen und Aderhauttumoren sichtbar.
Die Hauptindikationen sind die diabetische Retinopathie (Quantifizierung von Ischämiearealen und Neovaskularisationen vor einer Laserkoagulation), die Venen- und Arterienverschlüsse der Netzhaut, die neovaskuläre AMD (Lokalisation der choroidalen Membran), entzündliche Erkrankungen wie Uveitis und Vaskulitis sowie Tumordiagnostik. Nebenwirkungen sind in der Regel mild – eine vorübergehende Gelbfärbung der Haut und ein leuchtend gelber Urin für etwa 24 Stunden sind normal. Allergische Reaktionen sind selten, aber möglich, weshalb die Untersuchung in räumlicher Nähe zu Notfallausrüstung erfolgt. Bei Schwangerschaft und schwerer Nierenfunktionseinschränkung wird die Indikation streng geprüft.
Die Indocyaningrün-Angiographie (ICG-Angiographie) verwendet einen Farbstoff, der im nahen Infrarot fluoresziert. ICG ist an Plasmaeiweiße gebunden und tritt deutlich weniger aus den Gefäßen aus als Fluoreszein. Dadurch lassen sich vor allem die tiefer liegenden Aderhautgefäße sehr gut darstellen – ein Vorteil bei der Diagnose der polypoidalen choroidalen Vaskulopathie, der zentralseelichen Chorioretinopathie und mancher entzündlicher Aderhauterkrankungen. Die Untersuchung erfolgt analog zur Fluoreszein-Angiographie und wird häufig kombiniert. Eine Iod- oder Schalentierallergie ist eine Kontraindikation.
Sonographie des Auges – Ultraschall A-Bild, B-Bild und UBM
Wenn die optischen Medien des Auges getrübt sind – etwa durch eine dichte Linsentrübung, eine massive Glaskörperblutung oder eine ausgeprägte Hornhautnarbe – lässt sich der Augenhintergrund mit Licht nicht mehr beurteilen. Hier hilft die Augensonographie. Mit hochfrequenten Ultraschallköpfen (typischerweise 10 bis 20 MHz, für die Vorderabschnitte bis 50 MHz) werden die inneren Strukturen indirekt sichtbar gemacht.
Das A-Bild ist ein eindimensionales Verfahren und liefert eine Amplitudenkurve entlang einer einzigen Linie. Es wird klassisch zur Bulbusbiometrie verwendet, also zur Vermessung der Augenlänge vor einer Kataraktoperation, um die richtige Stärke der einzusetzenden Kunstlinse zu berechnen. Heute wird die Augenlänge in der Regel noch präziser mit optischen Methoden (IOL-Master, Lenstar) bestimmt; die A-Sonographie kommt bei trüben Medien oder Sonderfällen weiterhin zum Einsatz. Das B-Bild liefert ein zweidimensionales Schnittbild des hinteren Augenabschnitts. Damit lassen sich eine Netzhautablösung, eine Glaskörperblutung, eine Tumorraumforderung (Aderhautmelanom, Metastase), ein Ringfremdkörper oder eine retrobulbäre Raumforderung in der Augenhöhle erkennen. Die Ultraschallbiomikroskopie (UBM) arbeitet mit besonders hohen Frequenzen und stellt die Vorderabschnitte (Hornhaut, Kammerwinkel, Linse, Zonula, Ziliarkörper) in hoher Auflösung dar – nützlich bei unklarem Engwinkelglaukom, Zysten der Iris und Ziliarkörpertumoren.
Elektrophysiologie – die Funktion misst
Die bildgebenden Verfahren zeigen Struktur, sagen aber nicht alles über die Funktion. Manche Erkrankungen verändern die Lichtwahrnehmung lange, bevor sich morphologisch etwas zeigt – hier kommt die Elektrophysiologie ins Spiel. Drei Untersuchungen sind etabliert:
Beim visuell evozierten Potential (VEP) werden mit Elektroden über dem Hinterhaupt (visueller Kortex) die elektrischen Antworten auf visuelle Reize aufgezeichnet. Typischer Reiz ist ein wechselndes Schachbrettmuster auf einem Bildschirm. Aus Latenz und Amplitude der Antwort lässt sich die Leitfähigkeit der Sehbahn bestimmen. Verzögerte Antworten finden sich bei demyelinisierenden Erkrankungen wie der multiplen Sklerose – deshalb gehört das VEP zur Standarddiagnostik bei Optikusneuritis. Auch Druckschädigungen des Sehnervs durch Tumoren oder kompressive Prozesse zeigen Veränderungen im VEP.
Das Elektroretinogramm (ERG) misst die elektrische Antwort der Netzhaut auf einen Lichtreiz. Eine spezielle Kontaktlinsenelektrode oder eine Fadenelektrode liegt auf dem Auge auf, die Lichtreize werden in standardisierter Form dargeboten. Aus dem typischen Wellenmuster (a-Welle, b-Welle, oszillatorische Potentiale) lässt sich auf die Funktion der Photorezeptoren und der inneren Netzhautschichten schließen. Hauptindikationen sind die Retinitis pigmentosa und andere hereditäre Netzhautdystrophien, die Zapfen-Stäbchen-Dystrophie sowie Toxizitätsabklärungen (zum Beispiel unter Hydroxychloroquin oder Vigabatrin). Eine besondere Variante ist das multifokale ERG, das die Funktion einzelner Netzhautareale getrennt erfasst.
Das Elektrookulogramm (EOG) misst das elektrische Potential zwischen Hornhaut und retinalem Pigmentepithel im Hell-Dunkel-Vergleich. Es dient vor allem zur Diagnostik der vitelliformen Makuladystrophie (Morbus Best), bei der der sogenannte Arden-Quotient charakteristisch erniedrigt ist.
Konfokalmikroskopie der Hornhaut
Die Konfokalmikroskopie ermöglicht eine zelluläre Darstellung der Hornhaut in vivo – das heißt am wachen, sitzenden Menschen, ohne Gewebsentnahme. Das Mikroskop tastet die Hornhaut Schicht für Schicht ab und bildet Epithel, subepitheliale Nervenfasern, das Stroma mit seinen Keratozyten und das Endothel in hoher Auflösung ab. Hauptindikationen sind die Diagnostik der Akanthamöbenkeratitis (typische zystische Strukturen), die Beurteilung von Endothelfunktion und Endothelzelldichte vor Hornhautoperationen, die Verlaufskontrolle der Hornhautnerven bei Diabetes oder neurotropher Keratopathie sowie die Untersuchung infiltrativer Erkrankungen. Im Vergleich zur klassischen Endothelzellmikroskopie (Spiegelmikroskopie) liefert sie zusätzlich Informationen über die tieferen Schichten der Hornhaut.
Hornhauttopographie und Pachymetrie
Die Hornhauttopographie erfasst die Form der Hornhautoberfläche und stellt sie als farbcodierte Höhen- oder Krümmungskarte dar – vergleichbar mit einer geographischen Karte, in der Höhenzüge und Senken sichtbar werden. Sie ist unverzichtbar bei der Diagnostik des Keratokonus, einer fortschreitenden, kegelartigen Vorwölbung und Verdünnung der Hornhaut, die meist in der zweiten oder dritten Lebensdekade beginnt und zu starkem irregulärem Astigmatismus führt. Auch vor refraktiven Eingriffen (LASIK, SMILE, PRK) und vor der Anpassung formstabiler Kontaktlinsen ist die Topographie Standard. Die Tomographie mit Geräten wie der Scheimpflug-Kamera (Pentacam, Galilei) erfasst zusätzlich die Rückfläche der Hornhaut und die zentrale Hornhautdicke – entscheidend für die Frühdiagnose eines beginnenden Keratokonus, der von vorne noch unauffällig sein kann.
Die Pachymetrie misst die Hornhautdicke, gewöhnlich an der dünnsten Stelle (in der Regel zentral oder leicht inferotemporal). Werte unter 500 µm sind ein Risikofaktor für ein Glaukom und für refraktive Komplikationen. Die Messung erfolgt entweder optisch (im Rahmen einer Vorderabschnitts-OCT oder Scheimpflug-Bildgebung) oder ultraschallbasiert.
Tränenfilmdiagnostik – Schirmer-Test und Tear-Break-Up-Time
Das trockene Auge (Sicca-Syndrom) ist eine der häufigsten Diagnosen einer augenärztlichen Sprechstunde und wird durch die Veränderungen unseres Alltags – viel Bildschirm, Klimaanlage, Kontaktlinsen, Hormonschwankungen – immer häufiger. Zur Beurteilung der Tränenfilmmenge wird der Schirmer-Test verwendet: ein kleiner Streifen Filterpapier wird für fünf Minuten in den äußeren Lidrand eingehängt und anschließend abgelesen, wie weit Tränenflüssigkeit den Streifen befeuchtet hat. Werte unter 5 mm sprechen für eine deutliche, Werte zwischen 5 und 10 mm für eine grenzwertige Tränenproduktion.
Die Tear-break-up-Time (TBUT) misst die Stabilität des Tränenfilms. Nach Eintropfen von Fluoreszein wird unter Blaufilter an der Spaltlampe beobachtet, wie lange es dauert, bis nach einem Lidschlag erste Aufreißstellen im Film erscheinen. Werte unter 10 Sekunden gelten als pathologisch. Ergänzend werden die Lipidschichtdicke (Interferometrie), die Auswertung des Lidschlagmusters und die Meibographie (Darstellung der ölproduzierenden Meibom-Drüsen im Lidrand) eingesetzt – oft ist eine Funktionsstörung der Meibom-Drüsen Hauptursache des trockenen Auges. Moderne Geräte (zum Beispiel Keratograph) führen mehrere dieser Messungen berührungsfrei durch.
Anwendungsbereiche – welches Verfahren wann?
In der Praxis wird selten nur ein einziges Verfahren eingesetzt – die Kunst der augenärztlichen Diagnostik liegt in der sinnvollen Kombination. Beim Glaukom-Screening ab dem 40. Lebensjahr gehören Tonometrie, Pachymetrie, Beurteilung der Papille (klinisch und per peripapillärer OCT), Gesichtsfeldperimetrie und Gonioskopie zusammen. Bei der diabetischen Retinopathie stehen Visus, Funduskopie in Mydriasis und eine OCT der Makula im Vordergrund; bei fortgeschrittenen Befunden ergänzt durch Fluoreszein-Angiographie und gegebenenfalls Weitfeldfunduskopie. Bei der altersbedingten Makuladegeneration sind OCT und gegebenenfalls Angiographie zentral; der Amsler-Test (eine einfache Gittermusterprüfung für zu Hause) ist eine wichtige Verlaufshilfe.
Bei einem akuten Sehverlust wird zunächst differenziert: einseitig oder beidseitig, schmerzlos oder schmerzhaft, schlagartig oder über Stunden – jede Konstellation hat ihr eigenes Differential. Bei einer plötzlichen einseitigen Erblindung ohne Schmerz steht der Verschluss der Zentralarterie der Netzhaut an oberster Stelle, bei dem Minuten entscheidend sind. Bei Doppelbildern ist die orthoptische Untersuchung mit Cover-Test, Hess-Schirm und Lancaster-Test entscheidend, ergänzt um Bildgebung des Kopfes bei Verdacht auf eine zentrale Ursache. Bei roten Augen entscheidet die Spaltlampenuntersuchung in Sekunden zwischen harmloser Konjunktivitis, gefährlicher Uveitis und einem akuten Glaukomanfall. Bei Verletzungen sind Fluoreszein, Drucksenkung, sonographische Beurteilung bei Verdacht auf intraokularen Fremdkörper sowie ein CT bei Frakturen die wesentlichen Schritte. Bei kindlicher Sehentwicklung kommen altersangepasste Visusprüfungen, Skiaskopie in Zykloplegie und gegebenenfalls VEP zum Einsatz.
Was Sie vor einer augenärztlichen Untersuchung wissen sollten
Bringen Sie zu jedem Augenarzttermin Ihre aktuelle Brille (oder Kontaktlinsen mit Behältnis und Pflegemittel), eine Liste aller eingenommenen Medikamente sowie Vorbefunde, sofern vorhanden, mit. Wenn eine Pupillenerweiterung geplant ist – was bei jeder eingehenden Beurteilung des Augenhintergrunds und bei jeder Erstuntersuchung ab dem mittleren Lebensalter empfehlenswert ist –, sollten Sie nicht selbst Auto oder Motorrad fahren; die Nahsehfähigkeit ist für mehrere Stunden eingeschränkt und die Blendempfindlichkeit erhöht. Für eine Fluoreszein- oder ICG-Angiographie sollte eine Begleitperson dabei sein. Vor einer subjektiven Refraktion bei einer länger zurückliegenden Brillenbestimmung kann es sinnvoll sein, vorab eine zykloplegische Refraktion zu planen, vor allem bei Kindern und jungen Erwachsenen.
Die augenärztliche Diagnostik ist ein Zusammenspiel von Beobachtung und Technik, von ärztlicher Erfahrung und apparativer Präzision. Viele Verfahren wirken auf den ersten Blick aufwendig, sind aber tatsächlich kurz, sicher und schmerzfrei. Die wichtigsten Voraussetzungen, dass die Untersuchungen valide Ergebnisse liefern, sind Mitarbeit und Geduld: eine ruhige Kopfhaltung an der Spaltlampe, ein zuverlässiges Drücken der Taste bei der Perimetrie, ein deutliches Rückmelden bei der Refraktion. Wer sich vor einer Untersuchung unsicher fühlt, kann jederzeit nachfragen – eine gut informierte Patientin oder ein gut informierter Patient liefert die zuverlässigeren Daten.
Wir beraten Sie
In der Schwanen-Apotheke Duisburg sind wir Ansprechpartner für alles, was rund um die Augenheilkunde im Apothekenalltag eine Rolle spielt – auch wenn die Untersuchungen selbst natürlich in der augenärztlichen Praxis stattfinden. Wir beraten Sie zur richtigen Anwendung von Augentropfen (Reihenfolge bei mehreren Präparaten, Mindestabstand, korrekte Tropftechnik), zur Pflege von Kontaktlinsen und zur Auswahl geeigneter Tränenersatzmittel bei trockenem Auge. Wir erklären Ihnen, warum bestimmte Tropfen kühl gelagert werden müssen, wie konservierungsmittelfreie Einzeldosen zu handhaben sind und worauf Sie bei der Anwendung von Cortisontropfen wegen des Glaukomrisikos achten sollten. Auch zur Anti-D-Prophylaxe bei intravitrealen Injektionen, zu Vitaminen und Spurenelementen bei AMD (Lutein, Zeaxanthin, Omega-3-Fettsäuren, AREDS-Schemata) und zu Ernährungsempfehlungen bei diabetischer Retinopathie geben wir Auskunft. Kommen Sie bei Fragen gerne in unsere Apotheke oder nehmen Sie über unser Kontaktformular Kontakt mit uns auf.