Fruchtbarkeitsstörungen
Definition und Häufigkeit
Von einer Fruchtbarkeitsstörung – medizinisch auch als Sterilität oder Infertilität bezeichnet – spricht man dann, wenn ein Paar trotz regelmäßigen, ungeschützten Geschlechtsverkehrs über einen Zeitraum von mindestens zwölf Monaten keine Schwangerschaft erzielt. Bei Frauen jenseits des 35. Lebensjahres setzen die Fachgesellschaften die diagnostische Schwelle bereits nach sechs Monaten an, weil mit fortschreitendem Alter weniger Zeit bleibt, eine etwaige Therapie in Ruhe zu planen und durchzuführen. Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) gehen davon aus, dass in Deutschland etwa jedes sechste bis siebte Paar im fortpflanzungsfähigen Alter ungewollt kinderlos bleibt. Die Ursachen verteilen sich nach heutigem Wissensstand grob zu jeweils einem Drittel auf die Frau, auf den Mann und auf eine Kombination beider Partner; bei einem nicht unerheblichen Anteil der Fälle – man spricht von etwa zehn bis fünfzehn Prozent – bleibt die Ursache trotz umfangreicher Diagnostik unklar, man nennt das eine idiopathische Sterilität.
Weibliche Ursachen: anovulatorische Zyklen, Eierstöcke und Hormone
Eine der häufigsten Ursachen für unerfüllten Kinderwunsch bei der Frau sind Zyklusstörungen mit ausbleibendem Eisprung – sogenannte anovulatorische Zyklen. Hinter ihnen verbirgt sich nicht selten das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS), eine endokrine Erkrankung, von der etwa fünf bis zehn Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter betroffen sind. Typisch sind verlängerte oder ausbleibende Regelblutungen, ein erhöhter Spiegel männlicher Hormone mit vermehrter Körperbehaarung, Akne, Haarausfall am Kopf, sowie eine charakteristische polyzystische Veränderung der Eierstöcke im Ultraschall. Häufig liegt zusätzlich eine Insulinresistenz vor, die wiederum die Reifung der Eizellen stört. Ein zweites wichtiges hormonelles Bild ist die Hyperprolaktinämie – ein Überschuss des Hormons Prolaktin, der den Eisprung hemmt; Ursachen können gutartige Hypophysentumoren (Prolaktinome), bestimmte Medikamente (Neuroleptika, Antidepressiva) oder eine Schilddrüsenunterfunktion sein. Schließlich gibt es die hypothalamische Amenorrhoe, eine durch starkes Untergewicht, Leistungssport oder chronischen Stress ausgelöste Unterdrückung der zentralen Steuerhormone GnRH, LH und FSH; sie führt dazu, dass die Eierstöcke gar nicht erst zur Arbeit angestoßen werden. Auch eine vorzeitige Erschöpfung der Eierstöcke – die prämature Ovarialinsuffizienz vor dem 40. Lebensjahr – kann eine Schwangerschaft unmöglich machen.
Weibliche Ursachen: Tubenfaktor und Endometriose
Damit eine Eizelle befruchtet werden kann, muss sie nach dem Eisprung den Eileiter ungehindert passieren und dort auf eine Samenzelle treffen. Sind die Eileiter verklebt, verschlossen oder in ihrer feinen Schleimhautbewegung gestört, bleibt der Kontakt von Ei- und Samenzelle aus – man spricht vom Tubenfaktor. Die häufigste Ursache hierfür sind durchgemachte Adnexitiden, also aufsteigende Entzündungen der Eileiter und Eierstöcke, meist ausgelöst durch sexuell übertragbare Erreger wie Chlamydia trachomatis. Tückisch ist, dass eine Chlamydieninfektion häufig symptomarm verläuft und erst Jahre später durch das Bild eines verschlossenen Eileiters auffällt. Weitere Auslöser sind Eileiterschwangerschaften in der Anamnese, größere Bauch- oder Beckenoperationen mit nachfolgenden Verwachsungen, sowie eine ausgeprägte Endometriose. Bei der Endometriose siedelt sich Gebärmutterschleimhaut außerhalb ihres normalen Sitzes an – an den Eierstöcken, am Bauchfell, am Darm oder an der Blase – und reagiert dort jeden Zyklus mit kleinen Blutungen und Vernarbungen. Die daraus entstehenden Verwachsungen, Endometriosezysten (sogenannte Schokoladenzysten) und entzündlichen Veränderungen können die Funktion der Eileiter und Eierstöcke erheblich beeinträchtigen. Endometriose ist bei Frauen mit Kinderwunsch deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung – man findet sie bei etwa dreißig bis fünfzig Prozent der Patientinnen mit Fertilitätsproblemen.
Weibliche Ursachen: uterine Faktoren
Auch die Gebärmutter selbst kann das Problem sein. Myome – gutartige Muskelknoten der Gebärmutterwand – sind extrem häufig; problematisch werden sie für die Fortpflanzung erst dann, wenn sie in die Gebärmutterhöhle hineinragen (submuköse Myome) oder die Schleimhaut verformen, sodass sich ein Embryo nicht einnisten kann. Auch große intramurale Myome können durch Verformung der Höhle und Beeinträchtigung der Durchblutung den Einnistungserfolg mindern. Verwachsungen in der Gebärmutterhöhle – das sogenannte Asherman-Syndrom – entstehen nach traumatischen Ausschabungen, Endometritis oder operativen Eingriffen. Sie verkleben Vorder- und Hinterwand miteinander und lassen damit keinen Raum mehr für die Einnistung eines Embryos. Schließlich gibt es angeborene Anomalien wie das Uterus septus, das Uterus bicornis oder das Uterus arcuatus – verschiedene Formen einer unvollständigen Verschmelzung der Müller-Gänge in der Embryonalentwicklung. Sie verursachen nicht zwangsläufig Sterilität, können aber das Risiko für Fehlgeburten und Frühgeburten deutlich erhöhen.
Männliche Ursachen: OAT-Syndrom und Azoospermie
Auf der männlichen Seite ist das mit Abstand häufigste Bild eine verminderte Spermienqualität, die im Spermiogramm festgestellt wird. Ist die Anzahl der Spermien zu niedrig (Oligozoospermie), die Beweglichkeit eingeschränkt (Asthenozoospermie) und die Form häufig fehlgebildet (Teratozoospermie), spricht man vom OAT-Syndrom – einer Oligoasthenoteratozoospermie. Die Referenzwerte der WHO sehen für eine normale Probe mindestens 16 Millionen Spermien pro Milliliter Ejakulat, mindestens 30 Prozent progressiv bewegliche Spermien und mindestens 4 Prozent normal geformte Spermien vor. Werte darunter erschweren eine natürliche Befruchtung – aufheben tun sie sie nicht zwingend, denn auch bei stark eingeschränkten Spermiogrammen kommt es vor, dass die eine besonders fitte Spermie die Eizelle erreicht. Ist im Ejakulat überhaupt keine Spermie nachweisbar, handelt es sich um eine Azoospermie. Sie kann obstruktiv sein – das heißt, die Hoden produzieren Spermien, doch ein Verschluss der ableitenden Samenwege (z. B. nach Nebenhodenentzündung, nach Vasektomie, angeboren bei zystischer Fibrose mit fehlenden Samenleitern) blockiert deren Austritt – oder nicht-obstruktiv, wenn die Hoden gar keine reifen Spermien mehr bilden. Hinter einer nicht-obstruktiven Azoospermie steckt häufig ein Klinefelter-Syndrom (XXY), eine durchgemachte Mumpsorchitis, eine Kryptorchismus-Vorgeschichte mit zu spät korrigiertem Hodenhochstand, oder eine genetische Mikrodeletion des Y-Chromosoms.
Männliche Ursachen: Varikozele, Hodentumoren und Ejakulationsstörungen
Bei vielen Männern mit schlechtem Spermiogramm findet sich eine Varikozele – eine Erweiterung der Venen am Hodensack, meist auf der linken Seite, durch einen ungünstigen Mündungswinkel der linken Hodenvene in die Nierenvene. Die Varikozele führt zu einer leichten Erwärmung des Hodens, und da die Spermienreifung temperaturempfindlich ist (zwei bis drei Grad unter Körperkerntemperatur), kann selbst eine geringfügige Erwärmung die Spermienqualität verschlechtern. Eine operative oder radiologische Ausschaltung der Varikozele bessert das Spermiogramm in vielen Fällen. Hodentumoren – meist Keimzelltumoren wie Seminome oder Nicht-Seminome – sind glücklicherweise selten, treffen aber typischerweise junge Männer im fortpflanzungsfähigen Alter. Sie sind heute sehr gut heilbar, die Therapie (Orchiektomie, Chemotherapie, Strahlentherapie) kann jedoch die Fruchtbarkeit dauerhaft beeinträchtigen – deshalb ist eine vorherige Kryokonservierung von Spermien dringend zu empfehlen. Eine Hodendystrophie – ein Schwund des Hodengewebes – kann angeboren sein oder nach Mumps, Bestrahlung oder schweren Allgemeinerkrankungen entstehen. Eine retrograde Ejakulation schließlich liegt vor, wenn das Ejakulat beim Orgasmus nicht nach vorn aus der Harnröhre austritt, sondern rückwärts in die Harnblase gelangt; Ursachen sind Diabetes mit autonomer Neuropathie, Operationen an Prostata oder Blasenhals, sowie bestimmte Medikamente (Alphablocker). Auch Erektions- und Ejakulationsstörungen ohne organische Ursache, etwa im Rahmen einer ausgeprägten psychischen Belastung durch den unerfüllten Kinderwunsch selbst, kommen vor.
Kombinierte und idiopathische Sterilität
Bei einem nennenswerten Anteil der Paare findet sich bei beiden Partnern jeweils ein leichtgradiger Befund – etwa ein grenzwertiges Spermiogramm beim Mann und ein verlängerter Zyklus mit gelegentlich ausbleibendem Eisprung bei der Frau. Jeder Einzelbefund für sich wäre noch tragbar, in Kombination summieren sich die Wahrscheinlichkeiten gegen eine Schwangerschaft. Das ist die kombinierte Sterilität. Hier ist es wichtig, nicht den einen Schuldigen zu suchen, sondern beide Partner gleichermaßen zu untersuchen und gemeinsam einen Behandlungsplan zu entwerfen. Demgegenüber spricht man von einer idiopathischen Sterilität, wenn alle gängigen Untersuchungen unauffällig ausfallen, das Paar aber trotzdem nicht schwanger wird. Schätzungsweise zehn bis fünfzehn Prozent aller Sterilitätsfälle fallen in diese Kategorie. Dahinter verbergen sich vermutlich subtile Störungen der Eizell-Spermien-Interaktion, der Embryonalentwicklung in den ersten Tagen oder der Implantation, die sich der heutigen Routinediagnostik schlicht entziehen.
Altersfaktor – warum die biologische Uhr tickt
Der mit Abstand wichtigste Einflussfaktor auf die Fruchtbarkeit ist und bleibt das Alter der Frau. Eine Frau wird mit einem festen Vorrat an Eizellen geboren – etwa ein bis zwei Millionen Primordialfollikel zur Geburt, davon noch rund 300.000 bei Eintritt der Pubertät. Im Laufe des Lebens schrumpft dieser Vorrat kontinuierlich. Wichtiger als die reine Anzahl ist die Qualität der Eizellen, die ab Mitte 30 messbar abnimmt – mit steigender Häufigkeit chromosomaler Fehlverteilungen (Trisomien) und einer abnehmenden Implantationsrate. Pro Zyklus liegt die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit einer 25-jährigen bei etwa 25 Prozent, einer 35-jährigen bei etwa 12 Prozent, einer 40-jährigen bei nur noch 5 Prozent, und nach dem 43. Lebensjahr sinkt sie auf unter ein Prozent. Beim Mann ist der Effekt schwächer, aber existent: ab dem 45. Lebensjahr steigen die Raten an Spermien-DNA-Schäden und das Risiko bestimmter genetischer Erkrankungen beim Kind. Wer eine Familie plant, sollte den Altersfaktor in seine Lebensplanung mit einbeziehen – nicht aus Druck, sondern aus Information.
Lebensstilfaktoren
Die Wissenschaft ist sich heute weitgehend einig, dass der Lebensstil einen erheblichen Einfluss auf die Fruchtbarkeit hat – auf beiden Seiten. Übergewicht mit einem Body-Mass-Index über 30 verlängert die Zeit bis zur Empfängnis, verschlechtert die Eizellqualität und ist bei Männern mit einer Reduktion von Testosteron und einer schlechteren Spermienqualität verbunden. Auch ein deutliches Untergewicht – oft im Rahmen von Essstörungen oder extremen Diäten – unterdrückt den Hypothalamus und damit den Eisprung. Rauchen ist einer der am besten belegten Risikofaktoren: Raucherinnen kommen im Schnitt ein bis vier Jahre früher in die Menopause, Raucher zeigen schlechtere Spermiogramme mit reduzierter Beweglichkeit und vermehrter DNA-Fragmentierung. Alkohol in größeren Mengen wirkt direkt toxisch auf die Eizellreifung und die Spermatogenese – ein gelegentliches Glas Wein gilt als unbedenklich, doch wer aktiv ein Kind möchte, fährt mit weitgehender Karenz besser. Chronischer Stress aktiviert das Cortisol-System, drosselt die Sexualhormonachse und kann den Zyklus verschieben oder die Libido lähmen. Schließlich wirkt sich extremer Leistungssport – mehr als sieben bis zehn Stunden hochintensiver Sport pro Woche – bei Frauen ungünstig auf den Eisprung aus; bei Männern können Hodentemperaturerhöhung (Radsport, enge Hosen, Sauna), anabole Steroide und übermäßiges Training die Spermienqualität verschlechtern.
Iatrogene Sterilität – nach Krebstherapie und Operationen
Der Begriff iatrogen bezeichnet medizinisch verursachte Schäden – nicht im Sinne eines Behandlungsfehlers, sondern als unvermeidbare Nebenwirkung notwendiger Therapien. Eine besondere Rolle spielen hier die onkologischen Behandlungen: Chemotherapie – insbesondere alkylierende Substanzen wie Cyclophosphamid – schädigt die schnell teilenden Keimzellen in Eierstock und Hoden und kann je nach Dosis und Lebensalter eine vorübergehende oder dauerhafte Sterilität verursachen. Strahlentherapie im Becken- oder Bauchbereich, etwa bei Hodenkrebs, Eierstockkrebs, Lymphomen oder Beckenraumtumoren, ist ebenfalls keimzelltoxisch; bereits Dosen ab etwa zwei Gray können bei Frauen zu einer vorzeitigen Ovarialinsuffizienz führen. Operationen an Eierstöcken, Eileitern, Gebärmutter, Prostata, Hoden oder Samenleitern können je nach Ausmaß die Fruchtbarkeit dauerhaft einschränken oder aufheben. Wichtig: vor jeder onkologischen Therapie im fortpflanzungsfähigen Alter sollte mit den Behandelnden über fertilitätserhaltende Maßnahmen gesprochen werden – Kryokonservierung von Eizellen, Spermien oder Ovargewebe sind etablierte Verfahren und werden in spezialisierten Zentren angeboten. Das Netzwerk FertiPROTEKT der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (DGRM) informiert ausführlich darüber.
Die psychische Belastung des unerfüllten Kinderwunsches
Unbedingt erwähnt werden muss die seelische Dimension. Ein unerfüllter Kinderwunsch ist mehr als ein medizinisches Problem – er ist eine existenzielle Lebenskrise, die sich oft über Jahre hinzieht. Paare berichten von einem Gefühl ständigen Wartens, vom Wechsel zwischen Hoffnung und Enttäuschung im Monatsrhythmus, vom Druck familiärer Erwartungen, vom Schmerz beim Anblick anderer schwangerer Frauen, vom Schweigen darüber im Freundes- und Kollegenkreis. Statistisch zeigen Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch eine erhöhte Rate an depressiven Verstimmungen, Angsterkrankungen und psychosomatischen Beschwerden – vergleichbar mit jenen, die nach einer Krebsdiagnose berichtet werden. Bei Männern äußert sich die Belastung oft anders – eher in sozialem Rückzug, in einem als zusätzlich erlebten Leistungsdruck im Bett, in Schuldgefühlen, wenn der Befund auf der eigenen Seite liegt. Auch die Partnerschaft kann unter dem Druck leiden; Sexualität verliert ihren spielerischen Charakter, wird zum „Termingeschäft“ und kann an Spontanität, Lust und Nähe verlieren. Eine begleitende psychologische oder paartherapeutische Unterstützung – angeboten in jedem zertifizierten Kinderwunschzentrum – ist deshalb keine Schwäche, sondern ein anerkannter Baustein der Behandlung. Selbsthilfegruppen wie der Bundesverband Kinderwunsch „Wunschkind e.V.“ bieten zusätzlich die wichtige Erfahrung, mit dem Thema nicht allein zu sein.
Wir beraten Sie persönlich
In der Schwanen-Apotheke Duisburg sind wir kein Kinderwunschzentrum – die spezialisierte Diagnostik und Behandlung gehört in die Hände von Reproduktionsmedizinerinnen und Reproduktionsmedizinern. Doch in der wohnortnahen Beratung können wir Sie an vielen Punkten begleiten: bei Fragen zu Ovulationstests und Basaltemperaturmessung, bei der Auswahl geeigneter Nahrungsergänzungspräparate mit Folsäure, Jod, Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D, L-Arginin und Antioxidanzien, bei der korrekten Anwendung verschriebener Hormonpräparate (Clomifen, Letrozol, Gonadotropine, Progesteron), bei der Lagerung temperatursensibler Injektionen, bei Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, und nicht zuletzt mit einem offenen Ohr, wenn die Belastung Sie überfordert. Sprechen Sie uns gern an – am Tresen, in unserem diskreten Beratungsbereich oder telefonisch. Weitere Informationen finden Sie auf den Unterseiten dieser Rubrik in der linken Spalte, sowie unter Kontakt. Wir wünschen Ihnen Geduld, Zuversicht und alles Gute auf dem Weg, den Sie gehen.