Erkrankungen der Nebenniere
Die Nebennieren sind zwei kleine, dreieckig geformte Hormondrüsen, die wie eine Mütze den oberen Polen unserer Nieren aufsitzen. Trotz ihres bescheidenen Gewichts von je nur etwa fünf bis zehn Gramm gehören sie zu den lebenswichtigsten Organen des menschlichen Körpers. Sie steuern unter anderem unseren Blutdruck, unseren Zucker- und Salzhaushalt, unsere Stressantwort und einen Teil unserer Sexualhormonproduktion. Fällt eine Nebenniere unbehandelt aus, ist das Leben akut bedroht. Glücklicherweise sind die meisten Nebennierenerkrankungen heute gut behandelbar – vorausgesetzt, sie werden erkannt. Genau daran scheitert es in der Praxis aber oft, weil die Symptome unspezifisch sind und sich hinter Diagnosen wie „Burnout“, „Wechseljahre“, „chronische Müdigkeit“ oder „therapieresistenter Bluthochdruck“ verstecken können.
Anatomie und Funktion: Nebennierenrinde und Nebennierenmark
Jede Nebenniere besteht aus zwei funktionell und entwicklungsgeschichtlich völlig getrennten Anteilen. Außen liegt die Nebennierenrinde (Cortex), die in drei Zonen gegliedert ist. Die äußere Zona glomerulosa produziert Mineralokortikoide, allen voran Aldosteron, das über die Nieren den Salz- und Wasserhaushalt regelt und damit den Blutdruck beeinflusst. Die mittlere Zona fasciculata stellt Glukokortikoide her, vor allem Cortisol – das wichtigste Stresshormon, das den Zuckerstoffwechsel, das Immunsystem, die Wundheilung und sogar unsere Stimmung steuert. Die innere Zona reticularis schließlich bildet Sexualhormonvorstufen, sogenannte adrenale Androgene wie DHEA und DHEA-S. Im Inneren der Drüse liegt das Nebennierenmark (Medulla), das embryologisch zum Nervensystem gehört und die Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin ausschüttet – jene Hormone, die uns in Sekundenschnelle für Kampf oder Flucht bereit machen. Die Steuerung der Rindenhormone erfolgt über die hypothalamisch-hypophysäre Achse: Der Hypothalamus schüttet CRH aus, dieses regt in der Hypophyse die ACTH-Sekretion an, und ACTH wiederum stimuliert in der Nebennierenrinde die Cortisolproduktion. Dieses fein abgestimmte Regelkreissystem kann an mehreren Stellen aus dem Gleichgewicht geraten.
Morbus Addison – die primäre Nebennierenrindeninsuffizienz
Beim Morbus Addison, benannt nach dem englischen Arzt Thomas Addison, fällt die Nebennierenrinde selbst aus. In den westlichen Ländern liegt der Erkrankung in über 80 Prozent der Fälle ein autoimmuner Prozess zugrunde: körpereigene Antikörper zerstören schleichend die hormonproduzierenden Zellen. Seltenere Ursachen sind Tuberkulose (weltweit immer noch häufig), Pilzinfektionen, Tumormetastasen, Einblutungen, das Waterhouse-Friderichsen-Syndrom bei schweren Sepsen oder genetisch bedingte Stoffwechselerkrankungen wie die Adrenoleukodystrophie. Typische Beschwerden entwickeln sich oft über Monate oder Jahre: anhaltende Müdigkeit, ungewollter Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Bauchschmerzen, Muskelschwäche, Schwindel beim Aufstehen, salzhunger und ein niedriger Blutdruck. Auffällig ist die charakteristische Hyperpigmentierung: braun-bronzene Verfärbung der Haut, besonders an Handlinien, Narben, Schleimhäuten und Druckstellen. Sie entsteht, weil bei fehlendem Cortisol die Hypophyse vermehrt ACTH ausschüttet, das gemeinsam mit dem MSH-Anteil melanozytenstimulierend wirkt. Im Labor finden sich häufig Hyponatriämie (niedriges Natrium), Hyperkaliämie (hohes Kalium), Hypoglykämietendenz und eine leichte Anämie. Der entscheidende diagnostische Test ist der ACTH-Stimulationstest (Synacthen-Test): Ein Anstieg des Cortisols nach Gabe von synthetischem ACTH spricht gegen, ein fehlender Anstieg für eine NNR-Insuffizienz. Ergänzend werden basales ACTH, Renin und Aldosteron sowie Autoantikörper gegen die 21-Hydroxylase bestimmt; bildgebend kommt eine CT der Nebennieren in Frage.
Sekundäre und tertiäre Nebennierenrindeninsuffizienz
Bei der sekundären Form liegt die Störung in der Hypophyse: Tumoren, Operationen, Bestrahlungen, Sheehan-Syndrom nach Geburtsblutung oder ein hypophysärer Apoplex unterbrechen die ACTH-Produktion, und in der Folge atrophiert die Nebennierenrinde. Bei der tertiären Form ist der Hypothalamus betroffen. Mit Abstand am häufigsten ist jedoch die iatrogene Form nach langfristiger Therapie mit synthetischen Glukokortikoiden wie Prednisolon, Dexamethason oder hochdosiertem inhalativem Budesonid. Werden diese Medikamente plötzlich abgesetzt, kann der körpereigene Regelkreis nicht schnell genug wieder anlaufen, und es droht eine Addison-Krise. Daher gilt eine eiserne Regel: Glukokortikoide niemals abrupt absetzen, sondern stets schrittweise ausschleichen, am besten unter ärztlicher Anleitung. Im Unterschied zum Morbus Addison fehlt bei sekundärer und tertiärer Form die Hyperpigmentierung (ACTH ist niedrig), und der Mineralokortikoidhaushalt ist meist intakt, weil Aldosteron primär über das Renin-Angiotensin-System gesteuert wird.
Cushing-Syndrom – zuviel Cortisol
Das Cushing-Syndrom ist gewissermaßen das Gegenteil des Morbus Addison: ein dauerhafter Cortisolüberschuss. Unterschieden werden endogene und exogene Formen. Die endogenen Ursachen sind ein hypophysärer Tumor mit ACTH-Überproduktion (Morbus Cushing im engeren Sinn, etwa 70 Prozent), ein autonom hormonproduzierender Nebennierentumor oder eine ektope ACTH-Bildung durch ein bösartiges Tumorleiden (z. B. kleinzelliges Bronchialkarzinom). Sehr viel häufiger ist allerdings die exogene, iatrogene Variante – ausgelöst durch die langfristige Anwendung synthetischer Glukokortikoide bei rheumatischen, autoimmunen, onkologischen oder pulmonalen Erkrankungen. Typisch ist die sogenannte cushingoide Habitus: Vollmondgesicht, Stiernacken, Stammfettsucht bei dünnen Extremitäten, hauchdünne Haut mit roten Striae distensae (Schwangerschaftsstreifen-ähnlich), Blutergüsse schon bei kleinster Belastung, Wundheilungsstörungen, Akne, Hirsutismus, Muskelschwund, Osteoporose, arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, psychische Veränderungen von depressiv bis manisch. Diagnostisch nutzt man den Dexamethason-Hemmtest, das Cortisol im 24-Stunden-Sammelurin, den Mitternachts-Cortisol im Speichel und bildgebende Verfahren (MRT der Hypophyse, CT der Nebennieren). Therapeutisch steht bei endogenen Formen die operative Entfernung des Tumors an erster Stelle.
Conn-Syndrom – primärer Hyperaldosteronismus
Das Conn-Syndrom ist eine bislang unterdiagnostizierte, aber häufige Ursache des sekundären Bluthochdrucks – man schätzt, dass bis zu zehn Prozent aller therapieresistenten Hypertonien darauf zurückgehen. Ursache ist eine autonom gesteigerte Aldosteronproduktion in der Nebennierenrinde, meist durch ein gutartiges Adenom (Conn-Adenom) oder durch eine beidseitige Hyperplasie. Aldosteron lässt die Nieren vermehrt Natrium und Wasser zurückhalten und gleichzeitig Kalium ausscheiden – die Folge ist arterielle Hypertonie, oft schwer einstellbar, kombiniert mit Hypokaliämie (niedriges Kalium), Muskelschwäche, Krämpfen, vermehrtem Wasserlassen und Herzrhythmusstörungen. Zur Diagnostik wird der Aldosteron-Renin-Quotient bestimmt; bei pathologischem Wert folgt ein Bestätigungstest (z. B. Kochsalzbelastungstest) und eine Bildgebung mit CT der Nebennieren, gegebenenfalls eine seitengetrennte Nebennierenvenenblutabnahme zur Lokalisationsdiagnostik. Die Therapie besteht bei einseitigem Adenom in der laparoskopischen Adrenalektomie, bei beidseitiger Hyperplasie in einer medikamentösen Behandlung mit Aldosteronantagonisten wie Spironolacton oder Eplerenon.
Phäochromozytom – Notfall mit Adrenalinsturm
Das Phäochromozytom ist ein seltener, meist gutartiger Tumor des Nebennierenmarks, der unkontrolliert Katecholamine (Adrenalin, Noradrenalin und gelegentlich Dopamin) ausschüttet. Etwa zehn Prozent der Phäochromozytome liegen extraadrenal (Paragangliome), zehn Prozent sind bösartig, und zehn Prozent treten beidseitig oder im Rahmen von genetischen Syndromen wie der multiplen endokrinen Neoplasie Typ 2, dem von-Hippel-Lindau-Syndrom oder der Neurofibromatose Typ 1 auf. Die klassische Symptomtrias besteht aus anfallsartigem Kopfschmerz, Schweißausbruch und Herzrasen, begleitet von dramatischen Blutdruckspitzen mit Werten von 220/130 mmHg und mehr. Zwischen den Attacken kann der Blutdruck normal oder dauerhaft erhöht sein. Solche hypertensiven Krisen sind ein medizinischer Notfall, weil sie zu Schlaganfall, Herzinfarkt, Lungenödem oder Aortendissektion führen können. Die Diagnose stützt sich auf die Bestimmung der Metanephrine im Plasma oder im 24-Stunden-Urin sowie auf bildgebende Verfahren (CT, MRT, MIBG-Szintigraphie). Operiert wird grundsätzlich, allerdings stets nach mehrtägiger Vorbehandlung mit Alpha-Rezeptorblockern (Phenoxybenzamin), um intraoperative Blutdruckentgleisungen zu verhindern.
Adrenogenitales Syndrom (AGS) – angeborene Enzymdefekte
Beim adrenogenitalen Syndrom liegt eine angeborene, autosomal-rezessiv vererbte Störung der Hormonsynthese in der Nebennierenrinde vor. Mit Abstand am häufigsten ist der 21-Hydroxylase-Mangel, der für etwa 95 Prozent der Fälle verantwortlich zeichnet. Durch den Enzymdefekt kann nicht ausreichend Cortisol (und je nach Form auch nicht ausreichend Aldosteron) gebildet werden; die Vorstufen werden in die Androgenbiosynthese umgeleitet, sodass es zu einem Überschuss männlicher Geschlechtshormone kommt. Klinisch werden eine klassische Form (mit oder ohne Salzverlust) und eine spät einsetzende, milde Form unterschieden. Die klassische Salzverlustform manifestiert sich in den ersten Lebenstagen mit Erbrechen, Dehydratation und lebensbedrohlicher Salzverlustkrise; bei weiblichen Säuglingen fallen virilisierte äußere Genitalien auf, weshalb in Deutschland im Rahmen des Neugeborenenscreenings auf 17-Hydroxyprogesteron getestet wird. Bei der nicht-klassischen Form treten erst im Jugend- oder Erwachsenenalter Symptome wie Akne, Hirsutismus, Zyklusstörungen oder unerfüllter Kinderwunsch auf. Therapeutisch wird lebenslang mit Glukokortikoiden (und bei Salzverlust zusätzlich Mineralokortikoiden) substituiert.
Nebennieren-Inzidentalome – Zufallsbefunde im CT
Mit der zunehmenden Verbreitung bildgebender Untersuchungen werden immer häufiger Raumforderungen der Nebennieren entdeckt, die ohne jeden klinischen Bezug aufgefallen sind. Solche Inzidentalome finden sich bei rund vier Prozent aller Bauch-CT-Untersuchungen, im höheren Lebensalter sogar bei bis zu zehn Prozent. Die Mehrzahl dieser Raumforderungen sind harmlose, hormoninaktive Adenome. In jedem Fall ist jedoch eine gezielte endokrinologische Abklärung notwendig, um zwei Fragen zu beantworten: Produziert der Tumor Hormone? Und besteht der Verdacht auf Malignität? Untersucht werden im Standard ein Dexamethason-Hemmtest (Cushing-Syndrom?), Metanephrine im Urin oder Plasma (Phäochromozytom?), Aldosteron-Renin-Quotient bei Hypertonikern (Conn-Syndrom?) sowie eine sorgfältige Bildanalyse hinsichtlich Größe, Dichte (HU-Werte), Wachstumstendenz und Kontrastmittelauswaschung. Hormoninaktive, klein, lipidreiche Adenome werden in der Regel nur kontrolliert; aktive oder verdächtige Befunde gehören in operative Hände.
Diagnostik: Hormonbestimmungen und Bildgebung
Die endokrinologische Diagnostik der Nebennierenerkrankungen folgt einem klaren Algorithmus. Zunächst werden Basalhormone bestimmt: Cortisol, ACTH, Aldosteron, Renin, DHEA-S sowie bei Verdacht die Katecholaminmetaboliten. Es folgen dynamische Funktionstests: der Dexamethason-Hemmtest zum Ausschluss eines Cushing-Syndroms, der ACTH-Stimulationstest zur Bestätigung einer Nebenniereninsuffizienz, der Kochsalzbelastungstest beim Conn-Syndrom. Bildgebend kommen CT und MRT der Nebennieren zum Einsatz; bei der Suche nach hormonproduzierenden Tumoren sind nuklearmedizinische Verfahren wie die MIBG-Szintigraphie, das DOTATATE-PET oder die PET-CT mit Galliotat hilfreich. Zur Lokalisation eines Conn-Adenoms wird mitunter eine seitengetrennte Nebennierenvenenblutabnahme durchgeführt. Wichtig: Viele Hormonbestimmungen sind tageszeitabhängig oder werden durch Medikamente verfälscht – die Probenabnahme will sorgfältig geplant sein, und der Patient sollte vorher beraten werden, welche Arzneimittel pausiert werden müssen.
Therapie: Substitution, Operation und lebenslange Begleitung
Die Therapie richtet sich nach der Grundkrankheit. Bei einer Nebenniereninsuffizienz wird lebenslang mit Hydrocortison (15–25 mg pro Tag, aufgeteilt in zwei bis drei Dosen) substituiert; bei Morbus Addison kommt zusätzlich Fludrocortison als Mineralokortikoid hinzu. Frauen mit deutlich verminderter Libido profitieren manchmal von einer niedrig dosierten DHEA-Gabe. Bei Cushing- und Conn-Syndrom sowie beim Phäochromozytom ist meist die chirurgische Entfernung des hormonproduzierenden Tumors kurativ; bei nicht resezierbaren oder beidseitigen Befunden kommen medikamentöse Optionen zum Einsatz (z. B. Cortisolsynthesehemmer wie Ketoconazol, Metyrapon, Osilodrostat beim Cushing; Aldosteronantagonisten beim Conn-Syndrom). Beim adrenogenitalen Syndrom wird lebenslang substituiert. Patient:innen mit Nebenniereninsuffizienz benötigen eine engmaschige endokrinologische Betreuung – alle sechs bis zwölf Monate Kontrolle der Therapie, gegebenenfalls Anpassung an Lebenssituationen wie Schwangerschaft, Sport oder Schichtarbeit.
Notfall: Addison-Krise und Notfallausweis
Eine der gefährlichsten Komplikationen der Nebenniereninsuffizienz ist die Addison-Krise: eine akute, lebensbedrohliche Cortisolmangelsituation, die typischerweise im Rahmen von Infekten, Operationen, Verletzungen, schwerem Erbrechen, Durchfällen oder starkem psychischen Stress auftritt. Symptome sind massiver Blutdruckabfall, Schock, Bewusstseinstrübung, Bauchschmerzen, Erbrechen, Fieber und ausgeprägte Elektrolytentgleisungen. Die Krise erfordert sofortige intravenöse Gabe von 100 mg Hydrocortison, ergänzt durch reichlich Kochsalzinfusion und Glukose, sowie Behandlung der auslösenden Ursache. Jeder Betroffene mit Nebenniereninsuffizienz sollte einen europäischen Notfallausweis bei sich tragen, in dem die Diagnose und die Notwendigkeit einer sofortigen Hydrocortison-Gabe in einer Krise vermerkt sind. Außerdem ist ein Notfallset für die Selbstapplikation (z. B. Hydrocortison-Injektion oder Suppositorien) sinnvoll, ebenso die Schulung der Angehörigen. In kleineren Stresssituationen (fieberhafter Infekt, größere körperliche Belastung) sollte die orale Hydrocortison-Dosis vorübergehend verdoppelt oder verdreifacht werden – nach einem festen, ärztlich abgestimmten Stressschema.
Wir beraten Sie in der Schwanen-Apotheke
Erkrankungen der Nebenniere sind aufgrund ihrer Vielfalt und der oft komplexen Medikation eine besondere Herausforderung. In der Schwanen-Apotheke nehmen wir uns Zeit, mit Ihnen die Hintergründe Ihrer Therapie durchzusprechen. Wir erklären, warum die Einnahme von Hydrocortison morgens höher als abends ist, welche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten wie Antiepileptika, Antibiotika (z. B. Rifampicin) oder oralen Kontrazeptiva zu beachten sind, wie das individuelle Stressschema bei Infekten oder Operationen aussieht und worauf Sie auf Fernreisen oder im Hochsommer achten sollten. Wir helfen Ihnen, ein persönliches Notfallset zusammenzustellen, prüfen die Verfügbarkeit von Hydrocortison-Spritzen und stellen Ihnen auf Wunsch Informationsmaterial sowie den Notfallausweis bereit. Bei Cushing-, Conn- oder Phäochromozytompatient:innen achten wir besonders auf die Blutdruck- und Kaliumüberwachung. Sprechen Sie uns an – Ihre Gesundheit liegt uns am Herzen, und für Fragen rund um die Endokrinologie sind wir die richtige Anlaufstelle in 47051 Duisburg.