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Vitamin D: Pille oder Sonne?

Kaum ein anderes Vitamin wird in den letzten Jahren so intensiv diskutiert wie Vitamin D. Die einen halten es für ein nahezu wundersames Mittel gegen Knochenschwund, Krebs, Depression und Erkältungen, die anderen warnen vor einer Überdosierung und unnötigen Tabletten­einnahme. Was stimmt nun? Brauchen wir Vitamin D als Pille oder reicht die Sonne – und für wen ist eine Supplementierung in unseren Breiten überhaupt sinnvoll? In diesem ausführlichen Ratgeber erklären wir, was Vitamin D eigentlich ist, wie es gemessen wird, wann ein Mangel vorliegt und welche Empfehlungen die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sowie das Robert Koch-Institut (RKI) aktuell aussprechen.

Was ist Vitamin D eigentlich?

Streng genommen ist Vitamin D gar kein klassisches Vitamin, sondern ein Prohormon, das unser Körper überwiegend selbst herstellen kann. Die wichtigste Form heißt Cholecalciferol (Vitamin D3) und entsteht in den oberen Hautschichten unter dem Einfluss von UV-B-Strahlung mit einer Wellenlänge von etwa 290 bis 315 Nanometern. Aus einer Cholesterin-Vorstufe wird zunächst Prävitamin D3 gebildet, das sich thermisch in Vitamin D3 umlagert. Über das Blut gelangt es zur Leber, wo es zu 25-Hydroxy-Vitamin-D (25-OH-D) hydroxyliert wird – das ist die Speicher- und Messform, die im Labor bestimmt wird. In der Niere folgt die Umwandlung zum biologisch aktiven 1,25-Dihydroxy-Vitamin-D (Calcitriol), das in nahezu allen Körperzellen Wirkung entfaltet.

Die Hauptaufgabe ist die Regulation des Kalzium- und Phosphat­haushalts: Vitamin D fördert die Aufnahme von Kalzium aus dem Darm und seinen Einbau in den Knochen. Ohne ausreichendes Vitamin D bleiben Kinder im Wachstum klein und entwickeln eine Rachitis mit weichen, verbogenen Knochen; bei Erwachsenen droht eine Osteomalazie (Knochen­erweichung) und langfristig eine Osteoporose. Daneben hat Vitamin D Einfluss auf Muskelkraft, Immun­system und Zellteilung – daher die anhaltende Forschung zu möglichen Effekten weit über den Knochen hinaus.

Wie wird ein Mangel definiert?

Der Vitamin-D-Status wird über die Konzentration von 25-OH-D im Blutserum erfasst, meist angegeben in Nanogramm pro Milliliter (ng/ml) oder in Nanomol pro Liter (nmol/l); 1 ng/ml entspricht 2,5 nmol/l. Die in Deutschland gebräuchliche Einteilung lautet:

  • Ausreichend versorgt: 20–50 ng/ml (50–125 nmol/l) – an dieser Schwelle ist die Knochengesundheit für die meisten Erwachsenen abgesichert.
  • Mangel: unter 20 ng/ml (unter 50 nmol/l).
  • Schwerer Mangel: unter 12 ng/ml (unter 30 nmol/l) – mit erhöhtem Risiko für Rachitis und Osteomalazie.
  • Möglicher Überschuss: über 100 ng/ml (über 250 nmol/l) – ab hier steigt das Risiko einer Vitamin-D-Vergiftung (Hyperkalzämie).

Daten des Robert Koch-Instituts aus der Studie DEGS1 zeigen: rund 30 Prozent der Erwachsenen in Deutschland unterschreiten den Wert von 20 ng/ml, in den Wintermonaten sogar mehr als die Hälfte. Bedeutet das, dass die Hälfte der Bevölkerung krank ist? Nein. Werte unter 20 ng/ml sind ein Risiko­indikator, aber kein eindeutiger Krankheits­befund. Die meisten Betroffenen verspüren keine Symptome – trotzdem lohnt es sich, gegenzusteuern, weil der Knochen still mitleidet.

Warum die Sonne in Mitteleuropa nicht reicht

Die ehrliche Antwort auf die Titelfrage lautet: Beides hat seine Berechtigung – aber die Sonne reicht in Deutschland, den Niederlanden oder Großbritannien einen Großteil des Jahres nicht aus. Der Grund liegt in unserer geografischen Lage. Duisburg befindet sich auf etwa 51° nördlicher Breite. Zwischen Oktober und März steht die Sonne so flach am Himmel, dass die UV-B-Strahlung in der Atmosphäre nahezu komplett herausgefiltert wird, bevor sie die Haut erreicht. Selbst bei stundenlangem Aufenthalt im Freien wird in dieser Zeit kaum Vitamin D gebildet – man spricht vom „Vitamin-D-Winter“.

In den Sommermonaten (April bis September) reichen für hellhäutige Menschen rein rechnerisch etwa 10 bis 25 Minuten Sonnenbestrahlung von Gesicht, Händen und Unterarmen drei- bis viermal pro Woche aus, um die Speicher gut zu füllen. Sobald jedoch Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 15 oder höher verwendet wird, sinkt die Eigensynthese auf weniger als fünf Prozent. Hier entsteht das bekannte Dilemma: ausreichend Sonne für die Vitamin-D-Bildung – aber zugleich Hautkrebsrisiko durch UV-Strahlung. Die deutschen Krebsgesellschaften und Dermatologen empfehlen daher, sich nicht gezielt für die Vitamin-D-Produktion zu sonnen, sondern die kurzen Aufenthalte im Alltag (Spazier­gang, Einkaufen, Garten) zu nutzen und die Versorgung bei Bedarf durch Ergänzungs­präparate sicherzustellen.

Wer hat ein erhöhtes Mangelrisiko?

Es gibt klar definierte Gruppen, bei denen ein Vitamin-D-Mangel besonders häufig vorkommt und eine Supplementierung im Allgemeinen sinnvoll ist:

  • Säuglinge im ersten Lebensjahr – werden in Deutschland routinemäßig mit 400–500 IE Vitamin D3 täglich versorgt, als Rachitis­prophylaxe; üblicherweise bis zum zweiten erlebten Frühsommer.
  • Ältere Menschen ab 65 Jahren – ihre Haut produziert nur noch rund ein Viertel der Vitamin-D-Menge eines 20-Jährigen, und viele Senior:innen halten sich seltener im Freien auf.
  • Menschen mit dunkler Hautfarbe – das Pigment Melanin schützt vor UV-Strahlung, bremst aber auch die Vitamin-D-Synthese erheblich. Personen aus Afrika, dem Nahen Osten oder Südasien, die in Mitteleuropa leben, sind besonders betroffen.
  • Verschleierte Frauen und Männer mit ganz­körperlicher Bekleidung aus religiösen oder kulturellen Gründen – sie erhalten kaum direktes Sonnenlicht auf der Haut.
  • Menschen, die überwiegend innen arbeiten – Büro­tätige, Schicht­arbeiter, Pflegekräfte, bettlägerige oder mobilitäts­eingeschränkte Patient:innen.
  • Patient:innen mit chronischen Darm­erkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Zöliakie oder nach bariatrischer Operation – bei ihnen ist die Resorption der fettlöslichen Vitamine gestört (Malabsorption).
  • Stark übergewichtige Personen (BMI > 30) – Vitamin D verteilt sich im Fettgewebe und ist dann weniger für den Stoffwechsel verfügbar.
  • Menschen mit chronischer Nieren- oder Leber­erkrankung – die Umwandlung in die aktive Form ist beeinträchtigt.
  • Patient:innen unter Dauer­medikation mit Anti­epileptika (z. B. Carbamazepin, Phenytoin, Phenobarbital), Glukokortikoiden, bestimmten HIV-Medikamenten oder dem Tuberkulostatikum Rifampicin – diese Substanzen beschleunigen den Abbau von Vitamin D in der Leber.

Wie viel Vitamin D ist sinnvoll?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) nennt für Erwachsene einen Schätzwert von 800 Internationalen Einheiten (IE) pro Tag entsprechend 20 µg, sofern die körpereigene Synthese fehlt – etwa in den Wintermonaten oder bei den oben genannten Risiko­gruppen. Für Säuglinge gilt eine Empfehlung von 400 bis 500 IE täglich zur Rachitis­prophylaxe, für Kinder und Jugendliche ebenfalls 800 IE bei fehlender Sonnen­exposition. Wer den eigenen Spiegel kennt, kann die Dosis individuell anpassen: ein erfahrener Hausarzt wird bei nachgewiesenem schwerem Mangel kurzfristig auch höhere Auffüll­dosen verordnen (zum Beispiel 20.000 IE einmal wöchentlich über sechs bis acht Wochen) und anschließend auf eine Erhaltungs­dosis umstellen.

Wichtig ist die obere Sicherheits­grenze der Europäischen Behörde für Lebensmittel­sicherheit (EFSA): Für Erwachsene gelten 100 µg, das sind 4.000 IE pro Tag, als längerfristig unbedenklich. Wer ohne ärztliche Überwachung dauerhaft 10.000 IE oder mehr einnimmt – wie es in manchen Selbstoptimierungs­foren empfohlen wird –, riskiert eine Vergiftung. Die in deutschen Apotheken frei verkäuflichen Präparate bewegen sich daher meist zwischen 400 und 2.000 IE pro Tablette oder Tropfen. Höher dosierte Produkte (5.600 IE Wochendosis, 20.000 IE Therapie­dosis) sind verschreibungs­pflichtig.

Vitamin D, Kalzium und Magnesium – das Trio

Vitamin D arbeitet nicht allein. Es sorgt zwar dafür, dass Kalzium besser aus dem Darm aufgenommen wird – wenn aber überhaupt kein Kalzium über die Nahrung kommt (etwa bei strenger veganer Ernährung ohne pflanzliche Kalzium­quellen wie Brokkoli, Grünkohl, kalzium­reichem Mineral­wasser oder kalzium­angereicherten Pflanzendrinks), nützt der beste Vitamin-D-Spiegel wenig. Umgekehrt kann eine extrem hohe Vitamin-D-Dosis bei gleichzeitig sehr kalzium­reicher Ernährung zu einer Hyperkalzämie führen. Wir raten daher, Kalzium über die normale Mischkost zu decken (rund 1.000 mg pro Tag) und nur dann ein Kombinations­präparat einzunehmen, wenn beides nachweislich fehlt.

Auch Magnesium spielt eine Rolle: alle Enzyme, die Vitamin D in seine aktive Form umwandeln, sind magnesium­abhängig. Ein chronischer Magnesiummangel kann daher zu funktionellem Vitamin-D-Mangel beitragen, selbst wenn man Vitamin D substituiert. Eine ausgewogene Ernährung mit Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen und grünem Gemüse deckt den Bedarf in der Regel ab.

Überdosierung – selten, aber ernst

Eine reine UV-Exposition kann nie zu einer Vitamin-D-Vergiftung führen, weil der Körper die Synthese ab einem bestimmten Spiegel selbst drosselt. Anders verhält es sich mit hohen Dosen aus Tabletten und Tropfen. Werden über Wochen täglich 40.000 IE oder mehr eingenommen, kann sich Kalzium im Blut anreichern (Hyperkalzämie); die Folgen reichen von Übelkeit, Müdigkeit, vermehrtem Wasserlassen, Verstopfung und Verwirrtheit bis hin zu Nierensteinen, Nieren­funktions­störungen und Herzrhythmus­störungen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat in den letzten Jahren mehrfach vor frei im Internet vertriebenen Hochdosis­präparaten gewarnt. Wer Vitamin D supplementiert, sollte sich an die deklarierte Tagesdosis halten und bei längerer Einnahme über 2.000 IE den Spiegel ärztlich kontrollieren lassen.

Vitamin D aus Lebensmitteln

Die Nahrung trägt in Deutschland nur etwa 10 bis 20 Prozent zur Vitamin-D-Versorgung bei. Die ergiebigsten Quellen sind fettreiche Seefische: 100 g Lachs liefern rund 400–800 IE, Hering etwa 1.000 IE, Aal sogar bis zu 4.000 IE. Auch Eigelb (etwa 100 IE pro Stück), Innereien wie Rinder­leber, gewisse Speisepilze (Pfifferlinge, Champignons – vor allem wenn sie unter UV-Licht gereift sind) und in Deutschland mit Vitamin D angereicherte Streichfette und Margarinen tragen bei. Vegetarier:innen und Veganer:innen haben es schwerer, weil pflanzliche Quellen praktisch ausschließlich Vitamin D2 (Ergocalciferol) enthalten und Pilze nur bei UV-Behandlung nennenswerte Mengen liefern.

Laborbestimmung – sinnvoll oder Geldverbrennung?

Die Messung des 25-OH-Vitamin-D-Spiegels kostet in der Selbst­zahler­variante etwa 25 bis 35 Euro und wird von den gesetzlichen Krankenkassen nur bei begründetem Verdacht (z. B. Osteoporose, Mal­absorption, vermuteter Mangel mit Symptomen) übernommen. Sinnvoll ist eine Messung vor Beginn einer langfristigen oder höher dosierten Therapie, bei Risiko­gruppen und im Verlauf einer Behandlung. Eine pauschale Spiegel­bestimmung bei jeder gesunden Person ohne Symptome empfehlen wir hingegen nicht – die DGE und die Bundes­ärztekammer halten sie für nicht erforderlich. Bei den meisten Erwachsenen genügt in den Winter­monaten eine Standard­dosis von 800 IE täglich ohne vorherige Messung.

Vitamin D gegen Krebs, Depression und Infekte?

Die Liste der vermuteten Wirkungen von Vitamin D ist lang – die belastbaren Studien­ergebnisse sind dagegen ernüchternder, als es viele Schlagzeilen vermuten lassen. Hier eine ehrliche Einordnung:

  • Knochengesundheit und Sturzprävention bei Senior:innen: Hier ist der Nutzen am besten belegt. In Kombination mit Kalzium und Eiweiß reduziert Vitamin D Frakturen und Stürze.
  • Krebs: Große Studien wie die amerikanische VITAL-Studie (über 25.000 Teilnehmende) zeigten keinen klaren Effekt einer täglichen Vitamin-D-Supplementierung auf die Krebs­neuerkrankungs­rate. Hinweise auf eine Verringerung der Krebssterblichkeit gibt es, sind aber moderat.
  • Depression: Bei Menschen mit nachgewiesenem Mangel kann eine Substitution die Stimmung leicht bessern; bei Gesunden ohne Mangel ist kein klarer antidepressiver Effekt belegt.
  • Atemwegsinfekte und COVID-19: Eine Metaanalyse von 2021 fand einen leichten Schutz vor akuten Atemwegs­infekten, vor allem bei Personen mit Mangel. Speziell für COVID-19 zeigte die Forschung gemischte Ergebnisse: ein schwerer Mangel war mit schwereren Verläufen assoziiert, eine generelle Hochdosis­therapie konnte aber keinen Schutz nachweisen.
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Multiple Sklerose: Hinweise vorhanden, aber bislang keine eindeutigen Empfehlungen aus großen randomisierten Studien.

Kurz gefasst: Vitamin D ist kein Wundermittel. Wer einen Mangel hat, profitiert von der Behebung. Wer gut versorgt ist, gewinnt mit zusätzlichen Tabletten kaum etwas, kann aber bei Überdosierung schaden.

Unsere Empfehlung in der Schwanen-Apotheke

Wir beraten Sie in Duisburg gerne individuell. Bringen Sie gerne Ihren Medikationsplan und, falls vorhanden, einen aktuellen Laborwert mit. Für die meisten gesunden Erwachsenen ist eine tägliche Einnahme von 800 IE Vitamin D3 in der dunklen Jahreshälfte (Oktober bis März) sinnvoll und sicher. Säuglinge erhalten die Standard­prophylaxe, Senior:innen sollten ganzjährig substituieren. Bei besonderen Risiko­profilen klären wir gemeinsam, ob eine Spiegel­bestimmung beim Hausarzt sinnvoll ist und ob höhere Dosen indiziert sind. Auch Wechsel­wirkungen mit Ihrer Dauer­medikation prüfen wir gerne. So wird Vitamin D weder zur Modeerscheinung noch zum unnötigen Risiko, sondern zu einem wirksamen Baustein für gesunde Knochen, Muskeln und ein robustes Immunsystem.

| Von: Redaktion Schwanen-Apotheke Duisburg, Quellen: DGE, RKI, NVS II, BfArM, Robert Koch-Institut (DEGS1), EFSA